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NEUROLOGIE·PSYCHIATRIE

Bipolare Störung: zwischen Manie, Hypomanie und Depression

Eine bipolare Störung ist eine wiederkehrende, chronische Erkrankung, bei der Stimmung und Energie in Phasen schwanken. Sie betrifft weltweit mehr als 1 Prozent der Bevölkerung, unabhängig von Herkunft oder sozialem Status.1 Phasen mit gehobener oder gereizter Stimmung und viel Energie, die Manie oder die schwächere Hypomanie, wechseln mit depressiven Phasen ab. Dazwischen liegen oft Zeiten, in denen es den Betroffenen gut geht.2,3

Früher sprach man von einer manisch-depressiven Erkrankung; beide Begriffe bezeichnen dasselbe Krankheitsbild.4

Dieser Beitrag erklärt die Symptome einer bipolaren Störung, ihre Formen, Ursachen und Verläufe, die Abgrenzung zu anderen Erkrankungen, die Auswirkungen auf den Alltag und die Behandlung. Er richtet sich an Betroffene, Angehörige und Fachleute und ersetzt weder eine ärztliche Untersuchung noch eine Diagnose.

  • 85 Quellen, u. a. aus The Lancet, New England Journal of Medicine, JAMA, The Lancet Psychiatry
  • Belegte Aussagen mit Fußnote, Einordnung getrennt
  • Stand 05.10.2026
Akute Krise

Akute Krise oder Gedanken an Selbsttötung? Bei unmittelbarer Gefahr: Notruf 112. TelefonSeelsorge kostenfrei, Tag und Nacht: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Ärztlicher Bereitschaftsdienst außerhalb der Sprechstunden: 116 117. Mehr im Abschnitt „Krise und Notfall“ (Stand 5. Oktober 2026).5,6


Das Wichtigste auf einen Blick

  1. Die ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation unterscheidet die Bipolar-I- und die Bipolar-II-Störung. Für eine manische Episode ist gesteigerte Aktivität oder Energie ein Pflichtmerkmal, gehobene Stimmung allein reicht nicht.7 Typ 1, Typ 2, Zyklothymie
  2. Meist überwiegen die depressiven Beschwerden: In einer US-Langzeitstudie mit 146 Menschen mit Bipolar-I-Störung (im Mittel 12,8 Jahre) bestanden in 47,3 Prozent der Wochen Beschwerden, depressive deutlich häufiger als manische.3 Verlauf
  3. Bis eine bipolare Störung richtig erkannt wird, vergehen laut deutscher S3-Leitlinie in der Regel 5 bis 10 Jahre. Häufig beginnt die Erkrankung mit einer Depression.1,8 Diagnose
  4. Zur Vorbeugung neuer Krankheitsphasen gilt Lithium nach einer Netzwerk-Meta-Analyse weiterhin als erste Wahl, trotz seiner Nebenwirkungen.9 Lithium und Vorbeugung
  5. Setzen Sie Lithium und andere Medikamente nicht eigenständig ab. Nach der britischen NICE-Leitlinie wird Lithium, wenn es beendet wird, schrittweise über mindestens 4 Wochen, möglichst bis zu 3 Monate, reduziert.10 Sicherheit und Schwangerschaft
  6. Strukturierte Psychotherapie und Psychoedukation zusätzlich zu Medikamenten waren in einer Netzwerk-Meta-Analyse mit weniger Rückfällen verbunden.11 Psychoedukation und Psychotherapie

Was ist eine bipolare Störung? Krankheitsbild und Symptome

Ein goldenes Pendel schwingt ruhig über einer blaugrünen Welle, die sich um eine feine Mittellinie hebt und senkt, als Sinnbild für Stimmungen zwischen Hoch und Tief.
KI-generierte Illustration: Sinnbild für Stimmungen zwischen Hoch und Tief, keine Messdaten.

Eine bipolare Störung gehört zu den affektiven Erkrankungen, also zu den Störungen der Stimmung. Nach der ICD-11 sind bipolare Störungen episodische Stimmungsstörungen, die durch manische, gemischte oder hypomanische Episoden oder Symptome bestimmt sind.2

Das Wort „bipolar“ beschreibt die zwei Pole der Stimmung: eine krankhaft gehobene oder gereizte Stimmung mit viel Antrieb auf der einen Seite, eine depressive Stimmung mit wenig Antrieb auf der anderen. Entscheidend ist nicht ein einzelner schlechter oder sehr guter Tag, sondern ein abgrenzbarer Zeitraum, in dem sich Stimmung, Energie, Schlaf, Denken und Verhalten deutlich verändern.

Die beiden großen Diagnosesysteme, die ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation und das DSM-5 der American Psychiatric Association, stimmen bei Bipolar I und Bipolar II inhaltlich im Wesentlichen überein.12

Studiendetails: Was ist eine bipolare Störung?

In einem systematischen Vergleich wurden 31 von 103 Diagnosen (30,1 Prozent) als in beiden Systemen praktisch identisch eingestuft, darunter Bipolar I und Bipolar II. Die Einstufung ist eine Expertenbewertung der Autorinnen und Autoren.12

Mit dem DSM-5 wurde gesteigerte zielgerichtete Aktivität oder Energie zum Pflichtsymptom der manischen und hypomanischen Episode. Die frühere gemischte Episode wurde dort gestrichen und durch einen Zusatz ersetzt.13

Die 2022 erschienene Textrevision DSM-5-TR hat bei der manischen Episode die Schweregradeinteilung korrigiert und die Restkategorie „nicht näher bezeichnete affektive Störung“ eingeführt.14

In der ICD-11 kann eine Manie nur noch im Rahmen einer bipolaren Störung kodiert werden, nicht mehr als eigenständige Diagnose. Die Zyklothymie zählt jetzt zu den bipolaren Störungen.15

Studiendetails: Was ist eine bipolare Störung?, 2

Fachsicht: Die ICD-11 teilt die frühere „bipolare affektive Störung“ der ICD-10 in Typ I und Typ II auf. Die deutsche S3-Leitlinie stützt sich noch auf die ICD-10 und nennt dort als Mindestdauer eine Woche für die manische, vier Tage für die hypomanische und zwei Wochen für die depressive und die gemischte Episode.7,8

Für Betroffene ist die Einordnung mehr als ein Etikett. Ob eine Depression Teil einer bipolaren Störung ist, beeinflusst, welche Behandlung infrage kommt und worauf im Verlauf zu achten ist. Deshalb fragen Ärztinnen und Ärzte bei jeder Depression auch nach früheren Phasen mit ungewöhnlich viel Energie.

Wie hängen Formen, Symptome, Begleiterkrankungen und Behandlungen zusammen?

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Eine Linie bedeutet: Für diese Verbindung gibt es einen Beleg. Sie zeigt weder eine Ursache noch die Stärke einer Wirkung noch eine Rangfolge; alle Linien sind gleich stark gezeichnet. „Häufig gemeinsam mit“ bei Abgrenzungsknoten heißt: muss abgegrenzt werden oder kann zusätzlich bestehen.

Formen und Episoden

Symptome, Verlauf, Alltag

Begleiterkrankungen und Abgrenzung

Behandlung und Sicherheit

Studien und Quellen

Studie

Leitlinie, Klassifikation oder Kennzahl

Abschnitt des Beitrags

So lesen

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67 Knoten, 80 Verbindungen.

Hilfe in einer KriseBei unmittelbarer Lebensgefahr, auch bei akuter Selbstgefährdung, rufen Sie den Notruf 112. Die TelefonSeelsorge ist Tag und Nacht kostenfrei erreichbar unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. Der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117 hilft außerhalb der Sprechstunden, wenn eine Behandlung nicht bis zum nächsten Tag warten kann (Stand 5. Oktober 2026).5,6

  • Form oder Episode
  • Symptom, Verlauf
  • Begleiterkrankung oder Abgrenzung
  • Behandlung
  • Studie
  • Leitlinie oder Quelle
  • Warnhinweis

KernsatzOb eine Depression Teil einer bipolaren Störung ist, beeinflusst, welche Behandlung infrage kommt und worauf im Verlauf zu achten ist.

Alle 80 Verbindungen als Tabelle
VonBeziehungNachBeleg
Bipolar-I-Störungzeigt sich alsManische Episode (≥ 1 Woche)2
Bipolar-I-Störungzeigt sich alsGemischte Episode (≥ 2 Wochen)2
Bipolar-I-Störungzeigt sich alsDepressive Episode3
Bipolar-II-Störungzeigt sich alsHypomane Episode (mehrere Tage)2
Bipolar-II-Störungzeigt sich alsDepressive Episode2
Zyklothymiezeigt sich alsHypomane Episode (mehrere Tage)2
Bipolar-I-Störungzeigt sich alsRapid Cycling (≥ 4 Episoden/12 Monate)2
Bipolar-II-Störungzeigt sich alsRapid Cycling (≥ 4 Episoden/12 Monate)2
Manische Episode (≥ 1 Woche)zeigt sich alsGehobene, gereizte oder expansive Stimmung2
Manische Episode (≥ 1 Woche)zeigt sich alsGesteigerte Aktivität/Energie2
Manische Episode (≥ 1 Woche)zeigt sich alsVermindertes Schlafbedürfnis2
Hypomane Episode (mehrere Tage)zeigt sich alsGehobene, gereizte oder expansive Stimmung2
Hypomane Episode (mehrere Tage)zeigt sich alsGesteigerte Aktivität/Energie2
Bipolar-I-Störungzeigt sich alsUnterschwellige Restbeschwerden3
Bipolar-I-Störungzeigt sich alsVerlauf überwiegend depressiv3
Bipolar-II-Störungzeigt sich alsVerlauf überwiegend depressiv19
Depressive Episodezeigt sich alsBeginn meist 15 bis 25 Jahre, oft mit Depression18
Beginn meist 15 bis 25 Jahre, oft mit Depressionzeigt sich alsDiagnoseverzögerung ≈ 9 Jahre18
Erbliche Faktoren (Heritabilität ≈ 70 %)belegt durchBipolar-I-Störung16
Lebenszeitprävalenz 0,6 % / 0,4 % / 2,4 %belegt durchWHO World Mental Health Surveys (Arch Gen Psychiatry 2011)17
Bipolar-I-Störunghäufig gemeinsam mitAngststörungen / Panikattacken2,17
Bipolar-II-Störunghäufig gemeinsam mitAngststörungen / Panikattacken2
Bipolar-I-Störunghäufig gemeinsam mitStörungen durch Substanzkonsum2
Bipolar-I-Störunghäufig gemeinsam mitMetabolisches Syndrom, Diabetes, Rauchen18
Bipolar-I-Störunghäufig gemeinsam mitErhöhtes Suizidrisiko16,18
Manische Episode (≥ 1 Woche)häufig gemeinsam mitSubstanzinduzierte Manie (Kokain, Amphetamine, Ecstasy)8
Hypomane Episode (mehrere Tage)häufig gemeinsam mitADHS (Abgrenzung)8
Hypomane Episode (mehrere Tage)häufig gemeinsam mitPersönlichkeitsstörung / Emotionsregulation (Abgrenzung)8
Manische Episode (≥ 1 Woche)häufig gemeinsam mitNeurologische/organische Ursachen (Epilepsie, MS, Schilddrüse)8
Neurologische/organische Ursachen (Epilepsie, MS, Schilddrüse)belegt durchFallvignetten8
ADHS (Abgrenzung)belegt durchDiagnostik8
Bipolar-I-Störungbehandelt mitLithium (Phasenprophylaxe)8,10
Lithium (Phasenprophylaxe)untersucht inBALANCE (Lancet 2010)26
Valproatuntersucht inBALANCE (Lancet 2010)26
Lithium + Valproatuntersucht inBALANCE (Lancet 2010)26
Lithium (Phasenprophylaxe)untersucht inLithium-Meta-Analyse (Am J Psychiatry 2004)27
Lithium (Phasenprophylaxe)untersucht inLithium und Suizid (BMJ 2013)28
Erhöhtes Suizidrisikobehandelt mitLithium (Phasenprophylaxe)8
Lithium (Phasenprophylaxe)untersucht inNetzwerk-Metaanalyse Erhaltung (Lancet Psychiatry 2014)9
Lithium (Phasenprophylaxe)untersucht inLamotrigin/Lithium-Erhaltung (Arch Gen Psychiatry 2003)29
Lamotriginuntersucht inLamotrigin/Lithium-Erhaltung (Arch Gen Psychiatry 2003)29
Lamotriginuntersucht inCEQUEL (Lancet Psychiatry 2016)33
Quetiapinuntersucht inCEQUEL (Lancet Psychiatry 2016)33
Valproatuntersucht inValproat-Erhaltung (Arch Gen Psychiatry 2000)32
Depressive Episodebehandelt mitQuetiapin22
Quetiapinuntersucht inBOLDER I (Am J Psychiatry 2005)22
Depressive Episodebehandelt mitLurasidon23
Lurasidonuntersucht inLurasidon-Monotherapie (Am J Psychiatry 2014)23
Depressive Episodebehandelt mitCariprazin24
Cariprazinuntersucht inCariprazin Phase 3 (Am J Psychiatry 2019)24
Cariprazinuntersucht inCariprazin Phase 2 (Am J Psychiatry 2016)36
Depressive Episodebehandelt mitZusätzliches Antidepressivum25
Zusätzliches Antidepressivumuntersucht inSTEP-BD Antidepressiva (NEJM 2007)25
Manische Episode (≥ 1 Woche)behandelt mitAntimanische Akutbehandlung20,21
Antimanische Akutbehandlunguntersucht inNetzwerk-Metaanalyse Manie (Lancet 2011)20
Antimanische Akutbehandlunguntersucht inNetzwerk-Metaanalyse Manie (Psychol Med 2015)21
Depressive Episodebehandelt mitElektrokonvulsionstherapie (EKT)8
Elektrokonvulsionstherapie (EKT)untersucht inEKT-Studie (Am J Psychiatry 2015)38
Bipolar-I-Störungbehandelt mitGruppenpsychoedukation / Psychotherapie8
Gruppenpsychoedukation / Psychotherapieuntersucht inGruppenpsychoedukation (Arch Gen Psychiatry 2003)37
Frühwarnzeichen erkennenbehandelt mitGruppenpsychoedukation / Psychotherapie8
Einbezug der Angehörigenbehandelt mitGruppenpsychoedukation / Psychotherapie8,16
Frühwarnzeichen erkennenhäufig gemeinsam mitEinbezug der Angehörigen10
Lithium (Phasenprophylaxe)belegt durchLithium: Spiegel-, Nieren-, Schilddrüsen-, Calcium-Kontrollen10
Lithium (Phasenprophylaxe)belegt durchNierenfunktion unter Lithium30,31
Nierenfunktion unter Lithiumuntersucht inLithium-Nebenwirkungen (Lancet 2012)30
Nierenfunktion unter Lithiumuntersucht inLithium und Niere (Lancet Psychiatry 2022)31
Lithium (Phasenprophylaxe)belegt durchSchilddrüse/Nebenschilddrüse unter Lithium30
Schilddrüse/Nebenschilddrüse unter Lithiumuntersucht inLithium-Nebenwirkungen (Lancet 2012)30
Valproatbelegt durchValproat: Schwangerschaftsrisiko10
Bipolar-I-Störungbelegt durchWHO ICD-11 CDDR (2024)2
Bipolar-II-Störungbelegt durchWHO ICD-11 CDDR (2024)2
Zyklothymiebelegt durchWHO ICD-11 CDDR (2024)2
Lithium (Phasenprophylaxe)belegt durchS3-Leitlinie Bipolare Störungen (DGBS/DGPPN, Fassung 2019, angepasst 2020)8
Elektrokonvulsionstherapie (EKT)belegt durchS3-Leitlinie Bipolare Störungen (DGBS/DGPPN, Fassung 2019, angepasst 2020)8
Gruppenpsychoedukation / Psychotherapiebelegt durchS3-Leitlinie Bipolare Störungen (DGBS/DGPPN, Fassung 2019, angepasst 2020)8
Lithium (Phasenprophylaxe)belegt durchNICE CG185 (2014, aktualisiert 2025)10
Frühwarnzeichen erkennenbelegt durchNICE CG185 (2014, aktualisiert 2025)10
Verlauf überwiegend depressivbelegt durchLangzeitverlauf (Arch Gen Psychiatry 2002/2003)3,19
Unterschwellige Restbeschwerdenbelegt durchLangzeitverlauf (Arch Gen Psychiatry 2002/2003)3

Quellen: Bowden CL et al. · Archives of general psychiatry 200032; Cipriani A et al. · Lancet (London, England) 201120; Durgam S et al. · The American journal of psychiatry 201636; Fransson F et al. · The lancet. Psychiatry 202231; Nierenberg AA et al. · JAMA 202318; World Health Organization · WHO 20242; Judd LL, et al. · Archives of General Psychiatry 20023; TelefonSeelsorge Deutschland · TelefonSeelsorge Deutschland 20265; Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) · Kassenärztliche Bundesvereinigung (116117.de) 20266; DGBS, DGPPN (Hrsg.) · S3-Leitlinie Bipolare Störungen (DGBS/DGPPN) 20198; Miura T et al. · The Lancet Psychiatry 20149; National Institute for Health and Care Excellence (NICE) · NICE 201410; Judd LL, et al. · Archives of General Psychiatry 200319; McIntyre RS et al. · The Lancet 202016; Merikangas KR, et al. · Archives of General Psychiatry 201117; European Medicines Agency (EMA) · EMA 202634; European Medicines Agency (EMA) · EMA 202635; Geddes JR et al. · American Journal of Psychiatry 200427; BALANCE investigators and collaborators et al. · The Lancet 201026; Cipriani A et al. · BMJ 201328; Bowden CL et al. · Archives of General Psychiatry 200329; Yildiz A et al. · Psychological Medicine 201521; Calabrese JR et al. · American Journal of Psychiatry 200522; Loebel A et al. · American Journal of Psychiatry 201423; Earley W et al. · American Journal of Psychiatry 201924; Geddes JR et al. · The Lancet Psychiatry 201633; Sachs GS et al. · New England Journal of Medicine 200725; Colom F et al. · Archives of General Psychiatry 200337; Schoeyen HK et al. · American Journal of Psychiatry 201538; McKnight RF et al. · The Lancet 201230; European Medicines Agency (EMA) et al. · EMA 201839


Bipolare Störung Typ 1, Typ 2 und Zyklothymie

Für eine Bipolar-I-Störung reicht nach ICD-11 bereits eine einzige manische oder gemischte Episode. Typisch ist aber ein wiederkehrender Verlauf mit depressiven und manischen oder gemischten Episoden.2

Eine Bipolar-II-Störung liegt vor, wenn mindestens eine hypomanische und mindestens eine depressive Episode aufgetreten sind, aber nie eine Manie oder gemischte Episode.2

Bei der Bipolar-II-Störung überwiegen depressive Beschwerden bei Weitem: In einer US-Langzeitstudie mit 86 Menschen mit Bipolar-II-Störung bestanden in 50,3 Prozent der Wochen depressive und nur in 1,3 Prozent hypomane Beschwerden. Deshalb wird die Bipolar-II-Störung oft als gewöhnliche Depression verkannt.19,40

Studiendetails: Typ 1, Typ 2, Zyklothymie

Nach der WHO-Beschreibung entwickeln bis zu 15 Prozent der Menschen mit Bipolar-II-Störung später eine manische Episode; die Diagnose ändert sich dann in Bipolar I. Einen Zeitraum nennt die Quelle nicht.2

Bei der Zyklothymie besteht über mindestens zwei Jahre eine Instabilität der Stimmung mit zahlreichen hypomanen und depressiven Phasen, ohne dass je eine Manie oder gemischte Episode auftrat.2

Studiendetails: Typ 1, Typ 2, Zyklothymie, 2

Nach der S3-Leitlinie erreichen die depressiven Beschwerden bei der Zyklothymie nicht die Kriterien einer mittelgradigen oder schweren depressiven Episode; in dieser Konstellation wird nach der Leitlinie keine Bipolar-II-Störung diagnostiziert (Expertenkonsens).8

Bei Bipolar I prägen manische oder gemischte Episoden die Diagnose, bei Bipolar II und Zyklothymie fallen eher depressive Zeiten und die Unbeständigkeit der Stimmung auf. Welche Form vorliegt, lässt sich nur aus dem gesamten Verlauf beurteilen, oft mit Hilfe von Angehörigen.

Formen der bipolaren Störung im Überblick
FormKernmerkmalZeitkriterium
Bipolar-I-Störungmindestens eine manische oder gemischte EpisodeManie mindestens eine Woche2
Bipolar-II-Störungmindestens eine hypomanische und eine depressive Episode, nie eine ManieHypomanie mehrere Tage2
Zyklothymiezahlreiche hypomane und depressive Phasen; nie Manie oder gemischte Episode, keine depressive Episode in den ersten zwei Jahrenmindestens zwei Jahre2
Rapid Cycling (Zusatz)häufiger Episodenwechsel bei Bipolar I oder IImindestens vier Episoden in zwölf Monaten2

Kriterien nach ICD-11 (WHO 2024); die Diagnose stellt eine Fachärztin oder ein Facharzt aus dem gesamten Verlauf.2

Erklärvideo · 41 s

Bipolar I, Bipolar II und Zyklothymie

Animierte Erklärung, keine Aufnahmen realer Personen. Sprecher: KI-Stimme. Ohne Untertitel; der gesprochene Text steht hier.

Gesprochener Text

Bipolare Störungen haben mehrere Formen. Für eine Bipolar-I-Störung reicht nach der ICD-11 bereits eine einzige manische oder gemischte Episode. Eine Manie dauert mindestens eine Woche, mit euphorischer, gereizter oder überschwänglicher Stimmung und deutlich mehr Energie. Bei der Bipolar-II-Störung gibt es hypomane Phasen von mehreren Tagen und depressive Episoden, aber nie eine Manie oder gemischte Episode. Die Zyklothymie beschreibt eine instabile Stimmung über mindestens zwei Jahre mit zahlreichen hypomanen und depressiven Phasen. Welche Form vorliegt, zeigt erst der gesamte Verlauf.2

Bipolar I, Bipolar II und Zyklothymie im schematischen Verlauf

Schematische Verläufe, kein Messdiagramm. Phase anklicken oder mit der Tastatur wählen: Im Feld stehen Definition und Zeitkriterium nach ICD-11 mit Quelle.

Schematische Darstellung. Höhe und Länge der Phasen sind gezeichnet und entsprechen keinen Messwerten; die Zeitachse hat keine Einheit. Die Zeitkriterien in den Feldern stammen aus der ICD-11.

Waagerecht: Zeit, schematisch und ohne Maßstab · senkrecht: oben Hochphase, unten Depression

mindestens eine manische oder gemischte Episode
ManieHypomanieausgeglichenleicht gedrücktDepression

Schematischer Verlauf Bipolar-I-Störung: Depression, Manie, leichte Beschwerden, Depression, Manie.

hypomane und depressive Episoden, nie eine Manie
ManieHypomanieausgeglichenleicht gedrücktDepression

Schematischer Verlauf Bipolar-II-Störung: Depression, Hypomanie, Depression, leichte Beschwerden, Hypomanie.

Stimmungsinstabilität über mindestens zwei Jahre
ManieHypomanieausgeglichenleicht gedrücktDepressionmindestens zwei Jahre

Schematischer Verlauf Zyklothymie: leicht gehoben, leicht gedrückt, leicht gehoben, leicht gedrückt, leicht gehoben, leicht gedrückt, leicht gehoben, leicht gedrückt, leicht gehoben, leicht gedrückt, leicht gehoben, leicht gedrückt.

mindestens vier Episoden in zwölf Monaten
ManieHypomanieausgeglichenleicht gedrücktDepressionzwölf Monate

Schematischer Verlauf Rapid Cycling (Zusatz bei Bipolar I oder II): Depression, Hypomanie, Depression, Manie.

manische und depressive Symptome gleichzeitig oder rasch wechselnd
ManieHypomanieausgeglichenleicht gedrücktDepressionmindestens zwei Wochen

Schematischer Verlauf Gemischte Episode (bei Bipolar I): gemischte Episode, Depression.

So lesen

Eine Phase oder eine Form auswählen

Die Linien sind gezeichnet, nicht gemessen. Sie zeigen typische Muster, keine Werte und keinen Zeitmaßstab. Welche Form vorliegt, lässt sich nur aus dem gesamten Verlauf beurteilen, oft mit Hilfe von Angehörigen.

  • Manie
  • Hypomanie
  • Depression
  • leichte Beschwerden
  • gemischt
  • gezeichneter Verlauf (Schema)

KernsatzBei Bipolar I prägen manische oder gemischte Episoden die Diagnose, bei Bipolar II und Zyklothymie fallen eher depressive Zeiten und die Unbeständigkeit der Stimmung auf.

Formen und Episoden als Tabelle
FormKernmerkmalZeitkriterium
Bipolar-I-Störung2mindestens eine manische oder gemischte EpisodeManie mindestens eine Woche
Bipolar-II-Störung2mindestens eine hypomanische und eine depressive Episode, nie eine ManieHypomanie mehrere Tage
Zyklothymie2zahlreiche hypomane und depressive Phasen; nie Manie oder gemischte Episode, keine depressive Episode in den ersten zwei Jahrenmindestens zwei Jahre
Rapid Cycling (Zusatz)2häufiger Episodenwechsel bei Bipolar I oder IImindestens vier Episoden in zwölf Monaten

Kriterien nach ICD-11 (WHO 2024); die Diagnose stellt eine Fachärztin oder ein Facharzt aus dem gesamten Verlauf.2

EpisodeTypische MerkmaleHinweis
Manie2extreme Stimmungslage, gesteigerte Aktivität oder Energie, vermindertes Schlafbedürfnis, Rededrang, riskantes Verhaltendeutliche Beeinträchtigung
Hypomanie2abgeschwächte Maniekeine deutliche Beeinträchtigung, kein Wahn
Depression1ähnlich einer unipolaren Depressionhäufig erste Episode
Gemischte Episode12manische und depressive Symptome gleichzeitig oder rasch wechselndICD-11; im DSM-5 Zusatz mit gemischten Merkmalen

Vereinfachte Darstellung; die Klassifikationen enthalten weitere Kriterien.1,2,12

Quellen: Grande I et al. · The Lancet 20161; World Health Organization · WHO 20242; Judd LL, et al. · Archives of General Psychiatry 20023; DGBS, DGPPN (Hrsg.) · S3-Leitlinie Bipolare Störungen (DGBS/DGPPN) 20198; First MB et al. · World Psychiatry 202112; Judd LL, et al. · Archives of General Psychiatry 200319; Berk M et al. · World Psychiatry 202540; Schneck CD, et al. · American Journal of Psychiatry 200841


Manie und Hypomanie, Depression und gemischte Episoden

Eine manische Episode dauert nach ICD-11 mindestens eine Woche, außer sie wird durch Behandlung verkürzt. Typisch sind eine extreme Stimmungslage, euphorisch, gereizt oder überschwänglich, und gesteigerte Aktivität oder Energie.2 Dazu kommen häufig Rededrang, rasende Gedanken oder Ideenflucht, ein vermindertes Schlafbedürfnis, Ablenkbarkeit und impulsives, riskantes Verhalten.2

Vermindertes Schlafbedürfnis ist etwas anderes als Schlaflosigkeit: Wer unter Schlaflosigkeit leidet, möchte schlafen und kann es nicht. In der Manie braucht man weniger Schlaf und fühlt sich trotzdem voller Energie.

Eine Hypomanie ist eine abgeschwächte Form der Manie. Sie hält mindestens mehrere Tage an, führt aber nicht zu einer deutlichen Beeinträchtigung im Alltag und geht nicht mit Wahn oder Halluzinationen einher.2

Hypomane Phasen werden oft nicht als Krankheit erkannt, auch von den Betroffenen selbst. Deshalb sind Beobachtungen von Angehörigen für die Diagnose wichtig; die S3-Leitlinie empfiehlt, sie aktiv einzubeziehen.2,8

Die depressiven Episoden ähneln einer unipolaren Depression. Das macht die Diagnose schwierig, zumal die Erkrankung meist mit einer depressiven Episode beginnt.1

Die ICD-11 kennt die gemischte Episode: Mindestens zwei Wochen bestehen manische und depressive Symptome gleichzeitig oder wechseln sehr rasch. Das DSM-5 verwendet stattdessen den Zusatz „mit gemischten Merkmalen“, für den mindestens drei Symptome des Gegenpols vorliegen müssen.12

Von Rapid Cycling spricht man, wenn bei Bipolar I oder II in den letzten zwölf Monaten mindestens vier Stimmungsepisoden aufgetreten sind.2

Studiendetails: Manie, Hypomanie, Depression

Unter den ersten 500 Teilnehmenden der US-Studie STEP-BD hatten 20 Prozent ein Rapid Cycling, Frauen häufiger als Männer. In einer späteren Auswertung derselben Studie erfüllten bei Einschluss 32 Prozent von 1.742 Teilnehmenden die Kriterien für das Vorjahr; im folgenden Behandlungsjahr waren es nur noch 5 Prozent der 1.191, die das Jahr abschlossen.41,42

Rapid Cycling ist deshalb oft keine Dauereigenschaft. In derselben Studie hatte ein Drittel aller Teilnehmenden, die das Jahr abschlossen, keine neue Episode; Menschen mit früherem Rapid Cycling hatten häufiger weitere Episoden.41

Episoden im Vergleich
EpisodeTypische MerkmaleHinweis
Manieextreme Stimmungslage, gesteigerte Aktivität oder Energie, vermindertes Schlafbedürfnis, Rededrang, riskantes Verhaltendeutliche Beeinträchtigung2
Hypomanieabgeschwächte Maniekeine deutliche Beeinträchtigung, kein Wahn2
Depressionähnlich einer unipolaren Depressionhäufig erste Episode1
Gemischte Episodemanische und depressive Symptome gleichzeitig oder rasch wechselndICD-11; im DSM-5 Zusatz mit gemischten Merkmalen12

Vereinfachte Darstellung; die Klassifikationen enthalten weitere Kriterien.1,2,12

Erklärvideo · 40 s

Manie, Hypomanie, Depression und gemischte Episode

Animierte Erklärung, keine Aufnahmen realer Personen. Sprecher: KI-Stimme. Ohne Untertitel; der gesprochene Text steht hier.

Gesprochener Text

Eine bipolare Störung verläuft in Episoden. In der Manie ist die Stimmung euphorisch, gereizt oder überschwänglich, Aktivität und Energie sind gesteigert. Häufig kommen Rededrang, rasende Gedanken, ein vermindertes Schlafbedürfnis und riskantes Verhalten hinzu. Die Hypomanie ist eine abgeschwächte Form, ohne deutliche Beeinträchtigung im Alltag. Depressive Episoden ähneln einer unipolaren Depression, und meist beginnt die Erkrankung mit einer solchen Episode. Bei einer gemischten Episode bestehen manische und depressive Symptome mindestens zwei Wochen lang gleichzeitig oder wechseln sehr rasch.1,2,8,12


Ursachen der bipolaren Störung und wie vererbbar sie ist

Wie eine bipolare Störung entsteht, ist nicht abschließend geklärt. Bipolare Störungen gehören zu den am stärksten erblichen psychischen Erkrankungen; am besten erklärt wird die Entstehung nach heutigem Verständnis durch ein Zusammenspiel von Genen und Umwelt.43

Übersichtsarbeiten schätzen die Erblichkeit auf etwa 70 Prozent. Dieselben genetischen Risikovarianten finden sich auch bei anderen psychischen und körperlichen Erkrankungen.16

Erblichkeit ist ein Maß für Unterschiede in einer Bevölkerung, kein persönliches Vererbungsrisiko. Ein hoher Wert bedeutet nicht, dass Kinder von Betroffenen zwangsläufig erkranken.

Studiendetails: Ursachen und Vererbung

In einer britischen Zwillingsstudie mit 67 Paaren lag die geschätzte Erblichkeit bei 85 Prozent. Eine schwedische Registerstudie mit über neun Millionen Menschen kam auf 59 Prozent; die gemeinsame Häufung mit Schizophrenie ging dort überwiegend auf gemeinsame genetische Faktoren zurück.44,45

Studiendetails: Ursachen und Vererbung, 2

Eine weitere schwedische Familienstudie zeigte für Verwandte ersten Grades von Menschen mit Bipolar I eine deutlich höhere Chance, selbst an Bipolar I zu erkranken (Odds Ratio 17,0). Die geschätzte Erblichkeit lag für Bipolar I bei 57 und für Bipolar II bei 46 Prozent. Die Odds Ratio ist ein relatives Maß; wie hoch das absolute Erkrankungsrisiko für Angehörige ist, nennt die Studie im Abstract nicht.46

Im Gehirn zeigen große MRT-Auswertungen im Mittel kleine Unterschiede: etwas kleinere Hippocampus- und Thalamusvolumina sowie eine etwas dünnere Hirnrinde in Stirn-, Schläfen- und Scheitellappen. Für die Diagnose einzelner Menschen sind diese Befunde nicht geeignet.47,48

Studiendetails: Ursachen und Vererbung, 3

Fachsicht: Die Effektstärken lagen bei Cohen's d von −0,232 für den Hippocampus (1710 Betroffene, 2594 Gesunde) und bis −0,293 für die Rindendicke. Medikamente waren selbst mit Unterschieden verbunden.47,48

Diskutiert werden unter anderem Störungen der Anpassungsfähigkeit von Nerven- und Gliazellen, der Signalübertragung durch Botenstoffe, von Entzündungsprozessen und der Mitochondrienfunktion. Bewiesen ist keiner dieser Mechanismen.16

Auch der Tag-Nacht-Rhythmus wird untersucht: In der UK Biobank war ein schwächer ausgeprägter Aktivitätsrhythmus mit einer etwas höheren Wahrscheinlichkeit einer bipolaren Störung verbunden. Ob das Ursache oder Folge ist, lässt sich daraus nicht ablesen.49

Belastende Kindheitserfahrungen gelten als robuster, aber nicht spezifischer Risikofaktor für mehrere schwere psychische Erkrankungen, darunter bipolare Störungen. Viele der zugrunde liegenden Meta-Analysen sind von geringer Qualität und beruhen auf wenigen Originalstudien.50

Studiendetails: Ursachen und Vererbung, 4

Bei Menschen mit bipolarer Störung, die in der Kindheit Misshandlung erlebt hatten, waren Rapid Cycling (Odds Ratio 1,89) und Suizidversuche (Odds Ratio 2,25) häufiger als ohne diese Erfahrung. Die Daten stammen aus Beobachtungsstudien.51

Für Betroffene heißt das: Niemand ist schuld an einer bipolaren Störung. Anlage und Umwelt wirken zusammen, und vieles ist noch nicht verstanden. Was sich beeinflussen lässt, sind vor allem die Bedingungen für den weiteren Verlauf, etwa ein regelmäßiger Rhythmus, eine passende Behandlung und das frühe Erkennen neuer Phasen.


Wie häufig ist die bipolare Störung?

In Bevölkerungsbefragungen in elf Ländern lag die Lebenszeithäufigkeit bei 0,6 Prozent für Bipolar I, 0,4 Prozent für Bipolar II und zusammen mit unterschwelligen Formen bei 2,4 Prozent.17

Studiendetails: Häufigkeit

In der US-Studie NCS-R mit 9.282 Erwachsenen lagen die Werte bei 1,0 Prozent für Bipolar I, 1,1 Prozent für Bipolar II und 2,4 Prozent für unterschwellige Formen. Die Zahlen beruhen auf Laieninterviews, nicht auf ärztlichen Diagnosen.52

Die deutsche S3-Leitlinie fasst internationale Bevölkerungsstudien so zusammen: Lebenszeithäufigkeit etwa 3 Prozent, mit leichteren Spektrumsformen etwa 5 Prozent. Eine eigene aktuelle Bevölkerungszahl nur für bipolare Störungen in Deutschland liegt nicht vor.8

Nach Schätzungen der Global-Burden-of-Disease-Studie lebten 2019 weltweit rund 39,5 Millionen Menschen mit einer bipolaren Störung, 1990 waren es rund 24,8 Millionen. Die altersstandardisierte Häufigkeit blieb mit etwa 490 je 100.000 Menschen nahezu gleich.53

Dass die Zahl der Betroffenen steigt, während die altersstandardisierte Häufigkeit gleich bleibt, erklärt sich vor allem durch das Wachstum der Weltbevölkerung. Es spricht nicht dafür, dass die Erkrankung an sich häufiger wird.

Die Erkrankung beginnt oft früh. Eine weltweite Meta-Analyse fand einen Häufigkeitsgipfel um 19,5 Jahre; etwa ein Drittel erkrankt vor dem 25. Lebensjahr, der Median lag bei 33 Jahren.54

Studiendetails: Häufigkeit, 2

Wird der Beginn über die ersten Symptome bestimmt, liegt der Median bei 21 Jahren, über die erste Diagnose dagegen bei 40 Jahren. Die Zahlen stammen aus verschiedenen Studien und sind ein indirekter Hinweis darauf, wie viel Zeit bis zur Diagnose vergehen kann.54

Bipolar I kommt bei Männern und Frauen etwa gleich häufig vor; bei Männern beginnen die Symptome tendenziell früher.2

Begleiterkrankungen sind die Regel: In den internationalen Befragungen hatten etwa drei Viertel der Menschen mit einer Störung aus dem bipolaren Spektrum mindestens eine weitere psychische Erkrankung, am häufigsten Angststörungen.17

Studiendetails: Häufigkeit, 3

Nach den Angststörungen folgten Verhaltensstörungen (44,8 Prozent) und Substanzkonsumstörungen (36,6 Prozent). Die Querschnittsdaten sagen nichts darüber, welche Erkrankung zuerst auftrat.17

Erklärvideo · 40 s

Wie häufig ist die bipolare Störung?

Animierte Erklärung, keine Aufnahmen realer Personen. Sprecher: KI-Stimme. Ohne Untertitel; der gesprochene Text steht hier.

Gesprochener Text

Wie häufig ist eine bipolare Störung? In Bevölkerungsbefragungen in elf Ländern lag die Lebenszeithäufigkeit bei 0,6 Prozent für Bipolar I und 0,4 Prozent für Bipolar II. Zusammen mit unterschwelligen Formen waren es 2,4 Prozent. Die deutsche S3-Leitlinie von 2019 fasst internationale Studien mit etwa 3 Prozent zusammen; eine aktuelle Zahl nur für Deutschland liegt nicht vor. Die Erkrankung beginnt oft früh, mit einem Häufigkeitsgipfel um 19,5 Jahre. Etwa drei Viertel der Betroffenen haben mindestens eine weitere psychische Erkrankung.8,17,54

Wie häufig ist die bipolare Störung, und was kommt hinzu?

Vier Ansichten mit getrennten Achsen: Lebenszeithäufigkeit je Quelle, weltweite Schätzung, Begleiterkrankungen, Lebenserwartung und Suizid.

Lebenszeithäufigkeit

Verschiedene Methoden, Zeiträume und Kategorien (Spektrum gesamt und nur unterschwellige Formen sind nicht gleichartig); keine Rangliste. Die drei Karten haben eigene Methoden und werden nicht gegeneinander gelesen. Der S3-Wert ist keine Zahl für Deutschland.

World Mental Health Surveys (11 Länder)

61.392 Erwachsene · Lebenszeit

Achse 0 bis 3 %

2,4 % Spektrum gesamt (einschließlich Bipolar I und II)

In Bevölkerungsbefragungen in elf Ländern lag die Lebenszeithäufigkeit bei 0,6 Prozent für Bipolar I, 0,4 Prozent für Bipolar II und zusammen mit unterschwelligen Formen bei 2,4 Prozent.17

NCS-R (USA)

9.282 Erwachsene · Lebenszeit

Achse 0 bis 3 %

2,4 % nur unterschwellige Formen (nicht mit dem Spektrum links gleichzusetzen)

In der US-Studie NCS-R mit 9.282 Erwachsenen lagen die Werte bei 1,0 Prozent für Bipolar I, 1,1 Prozent für Bipolar II und 2,4 Prozent für unterschwellige Formen. Die Zahlen beruhen auf Laieninterviews, nicht auf ärztlichen Diagnosen.52

S3-Leitlinie (Fassung 2019)

Zusammenfassung internationaler Studien (keine Zahl für Deutschland)

3%

etwa, Lebenszeit, bipolare Störungen nach internationalen Bevölkerungsstudien8

etwa 5 % mit leichteren Spektrumsformen

Eine eigene aktuelle Bevölkerungszahl nur für bipolare Störungen in Deutschland liegt nicht vor.8

Weltweit

Betroffene weltweit (Global Burden of Disease, Schätzung)

39,5Mio.

Menschen mit bipolarer Störung 201953

24,8Mio.

Menschen mit bipolarer Störung 199053

Altersstandardisierte Häufigkeit

490je 100.000

etwa, nahezu gleich geblieben53

Dass die Zahl der Betroffenen steigt, während die altersstandardisierte Häufigkeit gleich bleibt, erklärt sich vor allem durch das Wachstum der Weltbevölkerung. Es spricht nicht dafür, dass die Erkrankung an sich häufiger wird.

Begleiterkrankungen

Psychische Begleiterkrankungen (internationale Befragungen)

¾

etwa drei Viertel hatten mindestens eine weitere psychische Erkrankung, am häufigsten Angststörungen17

Nach den Angststörungen folgten17

Die Querschnittsdaten sagen nichts darüber, welche Erkrankung zuerst auftrat.17

In einer großen US-Behandlungskohorte hatten 9,5 Prozent der Erwachsenen mit bipolarer Störung im Lauf des Lebens auch eine ADHS; bei ihnen begann die affektive Erkrankung etwa 5 Jahre früher.55

Bipolar I kommt bei Männern und Frauen etwa gleich häufig vor; bei Männern beginnen die Symptome tendenziell früher.2

Körperliche Gesundheit (Übersichtsarbeit, JAMA 2023)

Häufigkeit bei Menschen mit bipolarer Störung18

Metabolisches Syndrom (37 %), Übergewicht (21 %), Rauchen (45 %) und Typ-2-Diabetes (14 %) sind bei Menschen mit bipolarer Störung häufiger.18 Die Werte stammen aus einer Übersicht; eine Vergleichsgruppe nennt der Beleg nicht.

Lebenserwartung und Suizid

Lebenserwartung (landesweite Kohorte, Schweden)

Jahre früher verstorben als die übrige Bevölkerung56

Relatives Risiko nach Todesursache (Meta-Analyse, Beobachtungsstudien; 1 = gleiches Risiko)57

Ein Konfidenzintervall nennt der Beleg hier nicht. Eine Übersichtsarbeit im Lancet beschreibt einen Verlust von etwa 10 bis 20 möglichen Lebensjahren, vor allem durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Suizid. Körperliche Gesundheit gehört deshalb zur Behandlung dazu.16

Suizid (dänische Registerstudie)

Suizidrisiko nach erstem Kontakt mit der Fachversorgung (Dänemark), bis zu 36 Jahre Beobachtung58

Diese Zahlen beschreiben Gruppen; sie erlauben keine Vorhersage für einzelne Menschen. Wer Gedanken an Selbsttötung hat, findet sofort Hilfe: Die Nummern stehen im Abschnitt „Krise und Notfall“.5,58

Hilfe in einer KriseBei unmittelbarer Lebensgefahr, auch bei akuter Selbstgefährdung, rufen Sie den Notruf 112. Die TelefonSeelsorge ist Tag und Nacht kostenfrei erreichbar unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. Der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117 hilft außerhalb der Sprechstunden, wenn eine Behandlung nicht bis zum nächsten Tag warten kann (Stand 5. Oktober 2026).5,6

  • Bipolar I bzw. Gesamtgruppe
  • Bipolar II bzw. Frauen
  • Begleiterkrankung
  • Vergleichsgruppe

KernsatzDass die Zahl der Betroffenen steigt, während die altersstandardisierte Häufigkeit gleich bleibt, erklärt sich vor allem durch das Wachstum der Weltbevölkerung.

Kennzahlen als Tabelle
KennzahlWert (Quelle)
Lebenszeit, 11 Länder (WMH)Bipolar I 0,6 %, Bipolar II 0,4 %; Spektrum gesamt 2,4 %17
Lebenszeit, USA (NCS-R)Bipolar I 1,0 %, Bipolar II 1,1 %; nur unterschwellige Formen 2,4 %52
S3-Leitlinie (Fassung 2019), internationale Studienetwa 3 %, mit Spektrumsformen etwa 5 %; keine Zahl für Deutschland8
Weltweit (GBD)39,5 Mio. (2019), 24,8 Mio. (1990); altersstandardisiert etwa 490 je 100.00053
Weitere psychische Erkrankungetwa drei Viertel17; Verhaltensstörungen 44,8 %, Substanzkonsumstörungen 36,6 %17
ADHS (US-Behandlungskohorte)9,5 %55
Körperlich (Übersicht)Rauchen 45 %, metabolisches Syndrom 37 %, Übergewicht 21 %, Typ-2-Diabetes 14 %18
Lebenserwartung (Schweden)Frauen 9,0, Männer 8,5 Jahre kürzer56
Relatives Sterberisikogesamt 2,02; natürlich 1,90; Herz-Kreislauf 1,76; Krebs 0,9957
Suizid (Dänemark, bis 36 Jahre)Männer 7,8 %, Frauen 4,8 %; ohne psychiatrische Erkrankung 0,7 bzw. 0,3 %58

Quellen: Nierenberg AA et al. · JAMA 202318; World Health Organization · WHO 20242; TelefonSeelsorge Deutschland · TelefonSeelsorge Deutschland 20265; Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) · Kassenärztliche Bundesvereinigung (116117.de) 20266; DGBS, DGPPN (Hrsg.) · S3-Leitlinie Bipolare Störungen (DGBS/DGPPN) 20198; McIntyre RS et al. · The Lancet 202016; Merikangas KR, et al. · Archives of General Psychiatry 201117; Merikangas KR, et al. · Archives of General Psychiatry 200752; GBD 2019 Mental Disorders Collaborators · The Lancet Psychiatry 202253; Nierenberg AA, et al. · Biological Psychiatry 200555; Crump C, et al. · JAMA Psychiatry 201356; Biazus TB, et al. · Molecular Psychiatry 202357; Nordentoft M, et al. · Archives of General Psychiatry 201158


Wie verläuft eine bipolare Störung? Episoden, Rückfälle und stabile Zeiten

Ein Lichtband verläuft waagerecht mit langen ruhigen goldenen Abschnitten, unterbrochen von einem Hoch, einem Tief und einem kleineren Hoch, als Sinnbild für Episoden und stabile Zeiten.
KI-generierte Illustration, Sinnbild, nicht maßstäblich: Zahl, Höhe und Länge der Wellen sind gezeichnet, keine Verlaufskurve und keine Messwerte.

Eine bipolare Störung verläuft in Episoden, und der Verlauf ist von Mensch zu Mensch sehr verschieden. Laut S3-Leitlinie ist die Rückfallrate hoch; rund 10 Prozent der Betroffenen erleben mehr als 10 Episoden.8

In der US-Studie STEP-BD erlebten 48,5 Prozent von 858 Menschen, die sich von einer Episode erholt hatten, innerhalb von bis zu zwei Jahren einen Rückfall, mehr als doppelt so oft in eine Depression wie in eine manische, hypomane oder gemischte Episode.59

Wer bei der Erholung noch Restbeschwerden hatte, erlitt in dieser Studie häufiger einen Rückfall. Die Autorinnen und Autoren sehen in der Behandlung solcher Restbeschwerden eine mögliche Chance, Rückfällen vorzubeugen.59

Über Jahre gesehen bestimmen bei vielen Menschen eher leichtere, anhaltende depressive Beschwerden den Alltag als die Manien. Bei Bipolar I fanden sich in einer Langzeitstudie depressive Symptome in 31,9 Prozent der Wochen, manische oder hypomane in 8,9 Prozent.3

Studiendetails: Verlauf

Die Studie begleitete Menschen mit Bipolar I im Mittel 12,8 Jahre. Bei Bipolar II waren Betroffene in 53,9 Prozent der Wochen symptomatisch, fast immer depressiv (50,3 Prozent), hypoman nur in 1,3 Prozent. Die Teilnehmenden wurden 1978 bis 1981 eingeschlossen; die Behandlung hat sich seither verändert.3,19

Symptomfrei heißt nicht immer wieder ganz im alten Leben: Nach einer ersten stationär behandelten Manie erholten sich in einer US-Studie innerhalb von zwei Jahren 98 Prozent von der Episode, aber nur 43 Prozent erreichten wieder ihr früheres berufliches und häusliches Niveau.60

Studiendetails: Verlauf, 2

In derselben Studie hatten 40 Prozent innerhalb von zwei Jahren eine neue Episode, je zur Hälfte manisch und depressiv. 72 Prozent waren symptomatisch genesen.60

Auch in stabilen Phasen zeigen Menschen mit bipolarer Störung im Gruppenmittel mäßig schwächere Leistungen in Denk- und Gedächtnistests als Gesunde. Die Unterschiede zwischen einzelnen Betroffenen sind groß.61

Studiendetails: Verlauf, 3

Die Meta-Analyse umfasste 4.404 Menschen in stabiler Phase und 4.037 Gesunde; der Unterschied lag bei Hedges g −0,58 für die allgemeine kognitive Leistung und −0,70 für das sprachliche Gedächtnis.61

Als Risikofaktoren für häufig wiederkehrende Episoden nennt die S3-Leitlinie unter anderem einen frühen Erkrankungsbeginn, gemischte Episoden, psychotische Symptome und Rapid Cycling, für einen chronischen Verlauf zusätzlich Substanzmissbrauch.8

Frauen mit bipolarer Störung haben nach einer Geburt ein erhöhtes Rückfallrisiko. In einer Meta-Analyse lag das Rückfallrisiko nach der Entbindung in Hochrisikogruppen bei 35 Prozent; schwere Episoden traten bei bipolarer Störung bei 17 Prozent auf.62

Diese Zahlen beschreiben Gruppen, keine einzelnen Lebenswege. Sie zeigen aber, warum eine bipolare Störung meist langfristig begleitet wird: Rückfälle sind häufig, und gut behandelte stabile Zeiten sind das wichtigste Ziel.

Verlauf in Zahlen, je Studie
StudiePopulationKennzahl
STEP-BD (USA)858 Menschen nach Erholung48,5 Prozent Rückfall in bis zu zwei Jahren59
NIMH-LangzeitstudieBipolar I, im Mittel 12,8 JahreBeschwerden in 47,3 Prozent der Wochen3,19
McLean-Harvard-Studienach erster stationär behandelter Manie98 Prozent Episode überwunden, 43 Prozent früheres Niveau60
Meta-Analyse nach GeburtHochrisikogruppen35 Prozent Rückfall nach der Entbindung62

Unterschiedliche Populationen und Zeiträume; keine Rangliste und keine individuelle Prognose.3,19,59,60,62

Erklärvideo · 41 s

Verlauf über Jahre: Wochen mit Beschwerden

Animierte Erklärung, keine Aufnahmen realer Personen. Sprecher: KI-Stimme. Ohne Untertitel; der gesprochene Text steht hier.

Gesprochener Text

Eine US-Langzeitstudie begleitete Menschen mit Bipolar-I-Störung im Mittel knapp dreizehn Jahre. In fast der Hälfte aller Wochen bestanden Beschwerden. Wochen mit depressiven Beschwerden waren mit 31,9 Prozent deutlich häufiger als Wochen mit manischen oder hypomanen, mit 8,9 Prozent. Leichte und unterschwellige Beschwerden kamen fast dreimal so oft vor wie voll ausgeprägte Episoden. Bei der Bipolar-II-Störung bestanden in 50,3 Prozent der Wochen depressive und nur in 1,3 Prozent hypomane Beschwerden. Das sind Gruppenwerte, keine Vorhersage für Sie.3,19,40

Wie verläuft eine bipolare Störung über Jahre?

Wochenraster, Rückfälle, Beginn und Rapid Cycling. Jede Ansicht stammt aus einer eigenen Studie mit eigener Bezugsgröße; Werte nicht gegeneinander verrechnen.

Wochen mit Beschwerden

Bezugsgröße sind Wochen der Beobachtung, nicht Menschen. 1 Feld ≈ 1 Prozent der Wochen (gerundet). Die Teilnehmenden wurden 1978 bis 1981 eingeschlossen; die Behandlung hat sich seither verändert.3,19

47,3%

der beobachteten Wochen mit Beschwerden, Bipolar I (146 Menschen, im Mittel 12,8 Jahre beobachtet)3

Bipolar I: depressive Beschwerden 31,9 %; manische oder hypomane Beschwerden 8,9 %; gemischte oder rasch wechselnde Beschwerden 5,9 % der Wochen.

Kategorie antippen, um sie im Raster hervorzuheben.

Bipolar I: Wochen mit leichten oder unterschwelligen gegenüber voll ausgeprägten Beschwerden3

Über Jahre gesehen bestimmen bei vielen Menschen eher leichtere, anhaltende depressive Beschwerden den Alltag als die Manien. Bei Bipolar I fanden sich in einer Langzeitstudie depressive Symptome in 31,9 Prozent der Wochen, manische oder hypomane in 8,9 Prozent.3

Rückfall und Erholung

Rückfall nach Erholung (STEP-BD, USA)

48,5%

von 858 Menschen erlebten innerhalb von bis zu zwei Jahren einen Rückfall59

In der US-Studie STEP-BD erlebten 48,5 Prozent von 858 Menschen, die sich von einer Episode erholt hatten, innerhalb von bis zu zwei Jahren einen Rückfall, mehr als doppelt so oft in eine Depression wie in eine manische, hypomane oder gemischte Episode.59

Wer bei der Erholung noch Restbeschwerden hatte, erlitt in dieser Studie häufiger einen Rückfall. Die Autorinnen und Autoren sehen in der Behandlung solcher Restbeschwerden eine mögliche Chance, Rückfällen vorzubeugen.59

Erholung nach erster stationär behandelter Manie (2 Jahre)

166 Menschen nach erster Manie, McLean-Harvard-Studie60

Symptomfrei heißt nicht immer wieder ganz im alten Leben: Nach einer ersten stationär behandelten Manie erholten sich in einer US-Studie innerhalb von zwei Jahren 98 Prozent von der Episode, aber nur 43 Prozent erreichten wieder ihr früheres berufliches und häusliches Niveau.60

Eine Klinik in den USA; keine individuelle Prognose.

Beginn und Diagnose

Erkrankungsbeginn nach Definition, weltweite Meta-Analyse (Lebensjahre)54

  • 19,5Häufigkeitsgipfel54
  • 21Median, erste Symptome54
  • 33Median des Beginns54
  • 40Median, erste Diagnose54

Unterschiedliche Studien je Definition; indirekter Hinweis auf die Diagnoseverzögerung. etwa ein Drittel erkrankt vor dem 25. Lebensjahr54.

Eine zweite Quelle (Übersichtsarbeit)18

Beginn meist15 bis 25 Jahre

Zeit bis zur richtigen Diagnose, zwei Quellen

S3-Leitlinie (Fassung 2019): in der Regel1,85 bis 10 Jahre
Übersichtsarbeit: nach erster depressiver Episode im Mittel18etwa 9 Jahre

Bis eine bipolare Störung richtig erkannt wird, vergehen laut deutscher S3-Leitlinie in der Regel 5 bis 10 Jahre. Häufig beginnt die Erkrankung mit einer Depression.1,8 Die Achse reicht von 0 bis 12 Jahre.

Rapid Cycling

STEP-BD: Anteil mit Rapid Cycling, zwei Zeitpunkte mit unterschiedlicher Bezugsgruppe41,42

Rapid Cycling ist deshalb oft keine Dauereigenschaft. In derselben Studie hatte ein Drittel aller Teilnehmenden, die das Jahr abschlossen, keine neue Episode; Menschen mit früherem Rapid Cycling hatten häufiger weitere Episoden.41

Von Rapid Cycling spricht man, wenn bei Bipolar I oder II in den letzten zwölf Monaten mindestens vier Stimmungsepisoden aufgetreten sind.2

  • depressiv
  • manisch oder hypoman
  • gemischt
  • leicht oder unterschwellig
  • übrige Wochen
  • Spanne

KernsatzDiese Zahlen beschreiben Gruppen, keine einzelnen Lebenswege.

Verlaufsdaten als Tabelle
StudiePopulationKennzahl
NIMH-Studie, Bipolar I146 Menschen, im Mittel 12,8 JahreBeschwerden in 47,3 % der Wochen: depressiv 31,9 %, manisch oder hypoman 8,9 %, gemischt 5,9 %3
NIMH-Studie, Bipolar Iwie obenleicht oder unterschwellig 29,9 % gegenüber voll ausgeprägt 11,2 % der Wochen3
NIMH-Studie, Bipolar II86 Menschen, im Mittel 13,4 JahreBeschwerden in 53,9 % der Wochen: depressiv 50,3 %, hypoman 1,3 %19
STEP-BD858 Menschen nach Erholung48,5 % Rückfall in bis zu zwei Jahren59
McLean-Harvard-Studie166 Menschen nach erster Manie, 2 JahreEpisode überwunden 98 %, symptomatisch genesen 72 %, früheres Niveau 43 %, neue Episode 40 %60
Meta-Analyse BeginnweltweitGipfel 19,5 Jahre; Median erste Symptome 21, Beginn 33, erste Diagnose 40 Jahre54
DiagnoseverzögerungS3-Leitlinie bzw. Übersicht5 bis 10 Jahre1,8; etwa 9 Jahre18
STEP-BD Rapid Cycling1.742 bzw. 1.191 Menschen32 % für das Vorjahr, 5 % im Behandlungsjahr41,42

Quellen: Nierenberg AA et al. · JAMA 202318; Grande I et al. · The Lancet 20161; World Health Organization · WHO 20242; Judd LL, et al. · Archives of General Psychiatry 20023; DGBS, DGPPN (Hrsg.) · S3-Leitlinie Bipolare Störungen (DGBS/DGPPN) 20198; Judd LL, et al. · Archives of General Psychiatry 200319; Berk M et al. · World Psychiatry 202540; Schneck CD, et al. · American Journal of Psychiatry 200442; Schneck CD, et al. · American Journal of Psychiatry 200841; Solmi M, et al. · Molecular Psychiatry 202254; Perlis RH, et al. · American Journal of Psychiatry 200659; Tohen M, et al. · American Journal of Psychiatry 200360


Begleiterkrankungen, Lebenserwartung und Suizidrisiko

Die S3-Leitlinie hält fest, dass bei bipolaren Störungen häufig weitere psychische Erkrankungen auftreten, vor allem Angst- und Zwangsstörungen, Substanzmissbrauch und -abhängigkeit sowie ADHS.8

In einer großen US-Behandlungskohorte hatten 9,5 Prozent der Erwachsenen mit bipolarer Störung im Lauf des Lebens auch eine ADHS; bei ihnen begann die affektive Erkrankung etwa 5 Jahre früher.55

Menschen mit bipolarer Störung sterben im Mittel früher. Eine landesweite schwedische Kohorte zeigt das deutlich: Dort starben Frauen mit bipolarer Störung 9,0 Jahre und Männer 8,5 Jahre früher als die übrige Bevölkerung.56

Eine Meta-Analyse von 57 Studien fand eine etwa doppelt so hohe Gesamtsterblichkeit. Auch Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen waren häufiger, durch Krebs dagegen nicht.57

Studiendetails: Begleiterkrankungen und Suizidrisiko

Relatives Risiko für die Gesamtsterblichkeit 2,02, für natürliche Todesursachen 1,90, für Herz-Kreislauf-Tod 1,76; Krebs 0,99. Grundlage waren 678.353 Menschen mit bipolarer Störung in Beobachtungsstudien.57

Eine Übersichtsarbeit im Lancet beschreibt einen Verlust von etwa 10 bis 20 möglichen Lebensjahren, vor allem durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Suizid. Körperliche Gesundheit gehört deshalb zur Behandlung dazu.16

Das Suizidrisiko ist bei bipolarer Störung deutlich erhöht. In einer dänischen Registerstudie starben bis zu 36 Jahre nach dem ersten Kontakt mit der psychiatrischen Fachversorgung 7,8 Prozent der Männer und 4,8 Prozent der Frauen mit bipolarer Störung durch Suizid, gegenüber 0,7 und 0,3 Prozent in der Bevölkerung ohne psychiatrische Erkrankung.58

Studiendetails: Begleiterkrankungen und Suizidrisiko, 2

In der schwedischen Kohorte war das Suizidrisiko bei Frauen mit bipolarer Störung etwa 10-fach (Hazard Ratio 10,37) und bei Männern etwa 8-fach (8,09) erhöht. In den internationalen Befragungen berichteten 25,6 Prozent der Befragten mit Bipolar I und 20,8 Prozent mit Bipolar II (jeweils in den letzten zwölf Monaten erkrankt) über einen früheren Suizidversuch.17,56


Bipolar oder etwas anderes? Differenzialdiagnosen

Nicht jede Phase mit viel Energie oder jede Depression ist eine bipolare Störung. Ist eine depressive, hypomane oder manische Symptomatik direkte Folge einer anderen körperlichen Erkrankung, ordnet die ICD-11 sie als sekundäres affektives Syndrom ein und nicht als bipolare Störung.2

Die Abgrenzung folgt deshalb einer festen Logik: Zuerst werden körperliche Ursachen, Medikamente und Substanzen bedacht, dann andere psychische Erkrankungen mit ähnlichen Beschwerden. Die Tabelle unten fasst die wichtigsten Unterscheidungen zusammen.

Eine Glaskugel in der Mitte ist durch goldene Linien mit Schilddrüse, Gehirn, einem Molekül, einer Welle und einer Sanduhr verbunden, als Sinnbild der sorgfältigen Abgrenzung.
KI-generierte Illustration: Sinnbild der sorgfältigen Abgrenzung (Schilddrüse, Gehirn, Substanzen, Verlauf), keine vollständige Liste.

Unipolare Depression oder bipolare Störung

Unipolare Depression: Viele Menschen mit bipolarer Störung kommen zuerst wegen einer Depression in Behandlung. In einer internationalen Studie mit über 5.600 Erwachsenen, die wegen einer Depression psychiatrisch behandelt wurden, erfüllten 16 Prozent die Kriterien einer bipolaren Störung.63

Studiendetails: Unipolare Depression oder bipolare Störung

Mit erweiterten Kriterien, die nicht Standard der Klassifikationssysteme sind, waren es 47 Prozent. Eine Familiengeschichte mit Manie oder Hypomanie und mehrere frühere Krankheitsphasen hingen deutlich mit einer bipolaren Störung zusammen (Odds Ratio über 2).63

Auch nach einer ersten Depression kann sich der Verlauf ändern: In einer prospektiven Verlaufsstudie entwickelten 8,6 Prozent innerhalb von 5 Jahren eine bipolare Störung, häufiger bei schwer behandelbarer Depression, familiärer Belastung und zusätzlichem Alkohol- oder Drogenmissbrauch.64

Studiendetails: Unipolare Depression oder bipolare Störung, 2

Bei jungen Menschen, die wegen einer unipolaren Major Depression stationär behandelt worden waren (74 Personen, mittleres Alter 23 Jahre), traten in einer 15-jährigen Nachbeobachtung bei 27 Prozent später Hypomanien und bei weiteren 19 Prozent mindestens eine Manie auf. Die Stichprobe war klein und nicht auf ambulante Depressionen übertragbar.65

Die britische NICE-Leitlinie empfiehlt, bei Erwachsenen mit Depression in der Hausarztpraxis nach früheren Phasen mit Überaktivität oder enthemmtem Verhalten zu fragen. Dauerten sie 4 Tage oder länger, soll eine fachärztliche Abklärung erwogen werden.10

Bipolar oder ADHS, bipolar oder Borderline

ADHS und Borderline-Persönlichkeitsstörung: Ablenkbarkeit, Unruhe, Impulsivität und Stimmungsschwankungen kommen auch dort vor. Nach ICD-11 unterscheidet sich die bipolare Störung durch abgrenzbare Phasen mit gehobener, euphorischer oder gereizter Stimmung. Beide Erkrankungen können aber zusätzlich zu einer bipolaren Störung bestehen.2

Praktisch bedeutet das: Bei ADHS beginnen die Beschwerden vor dem 12. Lebensjahr und verlaufen nicht in Episoden. Persönlichkeitsmerkmale werden außerhalb einer Stimmungsepisode beurteilt. Bei einer bipolaren Störung lassen sich dagegen Episoden abgrenzen, in denen sich Stimmung, Energie und Schlaf deutlich verändern. Für die Einordnung braucht es den Längsschnitt, nicht eine Momentaufnahme.2

Wie häufig die Überschneidungen sind, zeigen zwei Studien: In einer großen US-Behandlungsstudie hatten 9,5 Prozent der Erwachsenen mit bipolarer Störung auch eine ADHS. In einer Verlaufsstudie mit 196 Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung (4 Jahre) lag in 19,4 Prozent zusätzlich eine bipolare Störung vor; die Autorinnen und Autoren werten den Zusammenhang als mäßig.55,66

Studiendetails: Bipolar oder ADHS, bipolar oder Borderline

Nach einer Meta-Analyse entwickelten 3,72 Prozent der mit Stimulanzien behandelten Menschen mit ADHS eine bipolare Störung. Die Schätzung ist sehr unsicher, die Studien waren sehr unterschiedlich, und ein ursächlicher Zusammenhang ließ sich nicht ableiten.67

Psychose, Substanzen und Medikamente

Schizophrenie und schizoaffektive Störung: Psychotische Symptome kommen bei der bipolaren Störung nur während der Stimmungsphasen vor. Sind die Kriterien einer Schizophrenie und einer affektiven Episode gleichzeitig oder innerhalb weniger Tage erfüllt, wird nach ICD-11 eine schizoaffektive Störung diagnostiziert.2

Wird eine depressive, hypomane oder manische Symptomatik durch eine Substanz oder ein Medikament außer Antidepressiva ausgelöst, zum Beispiel durch Kokain oder Amphetamine, auch im Entzug, spricht die ICD-11 von einer substanzinduzierten affektiven Störung. Ob die Stimmungsstörung anhält, wird nach Abklingen der Substanzwirkung beurteilt.2

Für Antidepressiva gilt eine eigene Regel: Tritt eine Manie unter einer antidepressiven Behandlung auf und besteht sie nach Beenden der Behandlung und Abklingen der direkten Wirkung fort, wird sie nach ICD-11 als manische Episode gewertet, nicht als substanzinduziert. Entsprechendes gilt für die Hypomanie.2

Auch Kortison-Tabletten können eine Manie auslösen: In britischen Hausarztdaten traten Manien unter Glukokortikoiden häufiger auf als bei Menschen mit derselben Grunderkrankung ohne diese Behandlung, besonders bei älteren Männern.68

Studiendetails: Psychose, Substanzen und Medikamente

Die Hazard Ratio für Manie lag bei 4,35 (372.696 Patientinnen und Patienten, 1990 bis 2008). Es handelt sich um Beobachtungsdaten; ein Absolutrisiko für Manie nennt die Studie im Abstract nicht.68

Bei Menschen mit bekannter bipolarer Störung war das Risiko einer Manie in einer schwedischen Registerstudie nur nach Beginn eines Antidepressivums ohne gleichzeitigen Stimmungsstabilisierer erhöht.69

Körperliche und neurologische Ursachen

Körperliche Ursachen: Erkrankungen der Schilddrüse, der Nebennierenrinde und Tumoren der Hirnanhangsdrüse können hypomanische oder manische Beschwerden nachahmen. Die S3-Leitlinie nennt zum Ausschluss körperlicher Ursachen unter anderem einen Schilddrüsenwert (TSH), einen Syphilis-Test und einen Entzündungswert (CRP).8

Auch Erkrankungen des Gehirns wie Epilepsien, Hirnentzündungen, Multiple Sklerose, Folgen von Durchblutungsstörungen wie ein Schlaganfall und beginnende frontotemporale Demenzen müssen bei manischen Beschwerden mitbedacht werden, besonders bei untypischem Bild im Jugendalter und bei einer erstmaligen Manie im höheren Lebensalter.8

Nach einem Schlaganfall sind Depression, Angst, Erschöpfung und Antriebslosigkeit häufig, jeweils bei mindestens 30 Prozent der Betroffenen. Manien kommen ebenfalls vor, sind aber seltener.70

Bei der verhaltensbetonten frontotemporalen Demenz überschneiden sich die Symptome mit psychischen Erkrankungen einschließlich der bipolaren Störung. Etwa die Hälfte der Betroffenen erhält zunächst eine psychiatrische Diagnose; die richtige Diagnose verzögert sich um bis zu 5 bis 6 Jahre.71

Studiendetails: Körperliche und neurologische Ursachen

In einer Klinikstichprobe wurden 6,3 Prozent der Menschen mit bipolarer Störung erstmals ab etwa 47 Jahren stationär behandelt; diese Gruppe hatte mehr Gefäßrisikofaktoren als Menschen mit frühem Beginn. Bei einer erstmaligen Manie im höheren Lebensalter sind deshalb neurologische Ursachen besonders mitzubedenken.8,72

Besteht der Verdacht auf eine körperliche Ursache einer Manie, empfiehlt die S3-Leitlinie zusätzlich eine neurologische Untersuchung und je nach Befund Bildgebung, EEG und neuropsychologische Tests. An dieser Grenze zwischen Psychiatrie und Neurologie entscheidet sich manchmal die Diagnose.8

Differenzialdiagnosen im Überblick
ZustandWas dafür sprichtWas abgeklärt wird
Unipolare Depressionkeine früheren HochphasenFremdanamnese, Familiengeschichte, frühere Phasen10,63
ADHSBeschwerden dauerhaft, nicht episodischVerlauf seit der Kindheit; beide können gemeinsam bestehen2,55,66
Borderline-Persönlichkeitsstörungkeine abgrenzbaren StimmungsepisodenLängsschnitt; beide können gemeinsam bestehen2,55,66
Schizoaffektive StörungKriterien einer Schizophrenie und einer affektiven Episode gleichzeitig oder innerhalb weniger Tage erfüllt; psychotische Symptome außerhalb der Stimmungsphasen sprechen gegen eine bipolare StörungVerlaufsbeobachtung2
Substanz- oder medikamenteninduziertzeitlicher Zusammenhang mit Substanz, Entzug oder Kortisonerneute Beurteilung nach Abklingen2,68
Körperliche UrsacheSchilddrüse, Nebennierenrinde, HirnanhangsdrüseTSH, Syphilis-Test, CRP8
Neurologische UrsacheEpilepsie, Hirnentzündung, MS, Schlaganfall, frontotemporale Demenzneurologische Untersuchung, Bildgebung, EEG8

Mehrere Erkrankungen können nebeneinander bestehen; die Tabelle ersetzt keine ärztliche Abklärung.2,8,10,55,63,66,68

Erklärvideo · 42 s

Differenzialdiagnose: der Abklärungspfad

Animierte Erklärung, keine Aufnahmen realer Personen. Sprecher: KI-Stimme. Ohne Untertitel; der gesprochene Text steht hier.

Gesprochener Text

Nicht jede Hochphase ist eine bipolare Störung. Die Abklärung folgt deshalb einer festen Reihenfolge. Zuerst werden körperliche Ursachen bedacht, etwa Erkrankungen von Schilddrüse oder Nebennieren, Epilepsien, Hirnentzündungen oder Multiple Sklerose. Dann folgen Substanzen und Medikamente wie Kokain, Amphetamine oder Kortison. Danach kommen andere psychische Erkrankungen wie ADHS oder eine Borderline-Persönlichkeitsstörung in Betracht. Bei einer bipolaren Störung lassen sich abgrenzbare Episoden erkennen, in denen sich Stimmung, Energie und Schlaf deutlich verändern. Dafür braucht es den Längsschnitt, keine Momentaufnahme.2,8,68

Bipolar oder etwas anderes? Abgrenzung in vier Richtungen

Filterbare Tabelle nach Leitbild und Richtung, dazu ein Vergleich mit ADHS und Borderline-Persönlichkeitsstörung. Jede Zeile mit wörtlich belegter Aussage.

Die Abgrenzung folgt deshalb einer festen Logik: Zuerst werden körperliche Ursachen, Medikamente und Substanzen bedacht, dann andere psychische Erkrankungen mit ähnlichen Beschwerden. Die Tabelle unten fasst die wichtigsten Unterscheidungen zusammen.

Was sonst dahinterstecken kann

Abgrenzung vonRichtungLeitbildWorauf es ankommt
Unipolare Depressionandere psychische ErkrankungDepressionIn einer internationalen Studie mit über 5.600 Erwachsenen, die wegen einer Depression psychiatrisch behandelt wurden, erfüllten 16 Prozent die Kriterien einer bipolaren Störung.63
Erste Depression im Verlaufandere psychische ErkrankungDepressionAuch nach einer ersten Depression kann sich der Verlauf ändern: In einer prospektiven Verlaufsstudie entwickelten 8,6 Prozent innerhalb von 5 Jahren eine bipolare Störung, häufiger bei schwer behandelbarer Depression, familiärer Belastung und zusätzlichem Alkohol- oder Drogenmissbrauch.64
Depression in der Hausarztpraxisandere psychische ErkrankungDepressionDie britische NICE-Leitlinie empfiehlt, bei Erwachsenen mit Depression in der Hausarztpraxis nach früheren Phasen mit Überaktivität oder enthemmtem Verhalten zu fragen. Dauerten sie 4 Tage oder länger, soll eine fachärztliche Abklärung erwogen werden.10
ADHSandere psychische ErkrankungHochphaseBei ADHS beginnen die Beschwerden vor dem 12. Lebensjahr und verlaufen nicht in Episoden.2 In einer großen US-Behandlungsstudie hatten 9,5 Prozent der Erwachsenen mit bipolarer Störung auch eine ADHS.55,66
Borderline-Persönlichkeitsstörungandere psychische ErkrankungHochphasePersönlichkeitsmerkmale werden außerhalb einer Stimmungsepisode beurteilt.2 In einer Verlaufsstudie mit 196 Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung (4 Jahre) lag in 19,4 Prozent zusätzlich eine bipolare Störung vor; die Autorinnen und Autoren werten den Zusammenhang als mäßig.55,66
Schizophrenie, schizoaffektive Störungandere psychische ErkrankungHochphaseSchizophrenie und schizoaffektive Störung: Psychotische Symptome kommen bei der bipolaren Störung nur während der Stimmungsphasen vor. Sind die Kriterien einer Schizophrenie und einer affektiven Episode gleichzeitig oder innerhalb weniger Tage erfüllt, wird nach ICD-11 eine schizoaffektive Störung diagnostiziert.2
Kokain, Amphetamine, auch im EntzugSubstanzen und MedikamenteHochphaseWird eine depressive, hypomane oder manische Symptomatik durch eine Substanz oder ein Medikament außer Antidepressiva ausgelöst, zum Beispiel durch Kokain oder Amphetamine, auch im Entzug, spricht die ICD-11 von einer substanzinduzierten affektiven Störung. Ob die Stimmungsstörung anhält, wird nach Abklingen der Substanzwirkung beurteilt.2
Ecstasy und andere SubstanzenSubstanzen und MedikamenteHochphaseAbhängigkeit und Missbrauch von Substanzen wie Kokain, Ecstasy oder Amphetaminen sollen bei der Abgrenzung von Hypomanie und Manie beachtet werden.8
Manie unter AntidepressivaSubstanzen und MedikamenteHochphaseFür Antidepressiva gilt eine eigene Regel: Tritt eine Manie unter einer antidepressiven Behandlung auf und besteht sie nach Beenden der Behandlung und Abklingen der direkten Wirkung fort, wird sie nach ICD-11 als manische Episode gewertet, nicht als substanzinduziert. Entsprechendes gilt für die Hypomanie.2
Antidepressivum ohne StimmungsstabilisiererSubstanzen und MedikamenteHochphaseBei Menschen mit bekannter bipolarer Störung war das Risiko einer Manie in einer schwedischen Registerstudie nur nach Beginn eines Antidepressivums ohne gleichzeitigen Stimmungsstabilisierer erhöht.69
Kortison-TablettenSubstanzen und MedikamenteHochphaseAuch Kortison-Tabletten können eine Manie auslösen: In britischen Hausarztdaten traten Manien unter Glukokortikoiden häufiger auf als bei Menschen mit derselben Grunderkrankung ohne diese Behandlung, besonders bei älteren Männern.68 Die Hazard Ratio für Manie lag bei 4,35 (372.696 Patientinnen und Patienten, 1990 bis 2008).68
Folge einer anderen körperlichen ErkrankungkörperlichbeidesIst eine depressive, hypomane oder manische Symptomatik direkte Folge einer anderen körperlichen Erkrankung, ordnet die ICD-11 sie als sekundäres affektives Syndrom ein und nicht als bipolare Störung.2
Schilddrüse, Nebennierenrinde, HirnanhangsdrüsekörperlichHochphaseKörperliche Ursachen: Erkrankungen der Schilddrüse, der Nebennierenrinde und Tumoren der Hirnanhangsdrüse können hypomanische oder manische Beschwerden nachahmen. Die S3-Leitlinie nennt zum Ausschluss körperlicher Ursachen unter anderem einen Schilddrüsenwert (TSH), einen Syphilis-Test und einen Entzündungswert (CRP).8
Epilepsie, Hirnentzündung, MS, Schlaganfall, frontotemporale DemenzneurologischHochphaseAuch Erkrankungen des Gehirns wie Epilepsien, Hirnentzündungen, Multiple Sklerose, Folgen von Durchblutungsstörungen wie ein Schlaganfall und beginnende frontotemporale Demenzen müssen bei manischen Beschwerden mitbedacht werden, besonders bei untypischem Bild im Jugendalter und bei einer erstmaligen Manie im höheren Lebensalter.8
Nach einem SchlaganfallneurologischbeidesNach einem Schlaganfall sind Depression, Angst, Erschöpfung und Antriebslosigkeit häufig, jeweils bei mindestens 30 Prozent der Betroffenen. Manien kommen ebenfalls vor, sind aber seltener.70
Verhaltensbetonte frontotemporale DemenzneurologischHochphaseBei der verhaltensbetonten frontotemporalen Demenz überschneiden sich die Symptome mit psychischen Erkrankungen einschließlich der bipolaren Störung. Etwa die Hälfte der Betroffenen erhält zunächst eine psychiatrische Diagnose; die richtige Diagnose verzögert sich um bis zu 5 bis 6 Jahre.71
Erstmalige Manie im höheren LebensalterneurologischHochphaseBei einer erstmaligen Manie im höheren Lebensalter sind deshalb neurologische Ursachen besonders mitzubedenken.8,72
Weiterführende Untersuchungen bei VerdachtneurologischHochphaseBesteht der Verdacht auf eine körperliche Ursache einer Manie, empfiehlt die S3-Leitlinie zusätzlich eine neurologische Untersuchung und je nach Befund Bildgebung, EEG und neuropsychologische Tests. An dieser Grenze zwischen Psychiatrie und Neurologie entscheidet sich manchmal die Diagnose.8

18 von 18 Zeilen

Bipolar, ADHS oder Borderline?

MerkmalBipolare StörungADHSBorderline-Persönlichkeitsstörung
Gemeinsame MerkmaleAblenkbarkeit, Unruhe, Impulsivität und Stimmungsschwankungen kommen auch dort vor.2
VerlaufNach ICD-11 unterscheidet sich die bipolare Störung durch abgrenzbare Phasen mit gehobener, euphorischer oder gereizter Stimmung.2Bei ADHS beginnen die Beschwerden vor dem 12. Lebensjahr und verlaufen nicht in Episoden.2Persönlichkeitsmerkmale werden außerhalb einer Stimmungsepisode beurteilt.2
Was die Einordnung trägtBei einer bipolaren Störung lassen sich dagegen Episoden abgrenzen, in denen sich Stimmung, Energie und Schlaf deutlich verändern.2Für die Einordnung braucht es den Längsschnitt, nicht eine Momentaufnahme.2Für die Einordnung braucht es den Längsschnitt, nicht eine Momentaufnahme.2
Gemeinsames AuftretenBeide Erkrankungen können aber zusätzlich zu einer bipolaren Störung bestehen.2In einer großen US-Behandlungsstudie hatten 9,5 Prozent der Erwachsenen mit bipolarer Störung auch eine ADHS.55,66In einer Verlaufsstudie mit 196 Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung (4 Jahre) lag in 19,4 Prozent zusätzlich eine bipolare Störung vor55,66
Leitlinie (S3, Fassung 2019)Bei jungen Erwachsenen mit Problemen der Gefühlsregulation, etwa bei ADHS, Persönlichkeitsstörungen, Impulskontrollstörungen oder Substanzproblemen, empfiehlt die S3-Leitlinie eine sorgfältige Abklärung in Richtung bipolare Störung.8

Kurzüberblick

ZustandWas dafür sprichtWas abgeklärt wird
Unipolare Depression10,63keine früheren HochphasenFremdanamnese, Familiengeschichte, frühere Phasen
ADHS2,55,66Beschwerden dauerhaft, nicht episodischVerlauf seit der Kindheit; beide können gemeinsam bestehen
Borderline-Persönlichkeitsstörung2,55,66keine abgrenzbaren StimmungsepisodenLängsschnitt; beide können gemeinsam bestehen
Schizoaffektive Störung2Kriterien einer Schizophrenie und einer affektiven Episode gleichzeitig oder innerhalb weniger Tage erfüllt; psychotische Symptome außerhalb der Stimmungsphasen sprechen gegen eine bipolare StörungVerlaufsbeobachtung
Substanz- oder medikamenteninduziert2,68zeitlicher Zusammenhang mit Substanz, Entzug oder Kortisonerneute Beurteilung nach Abklingen
Körperliche Ursache8Schilddrüse, Nebennierenrinde, HirnanhangsdrüseTSH, Syphilis-Test, CRP
Neurologische Ursache8Epilepsie, Hirnentzündung, MS, Schlaganfall, frontotemporale Demenzneurologische Untersuchung, Bildgebung, EEG

Mehrere Erkrankungen können nebeneinander bestehen; die Tabelle ersetzt keine ärztliche Abklärung.2,8,10,55,63,66,68

  • andere psychische Erkrankung
  • Substanzen und Medikamente
  • körperlich
  • neurologisch

KernsatzBeide Erkrankungen können aber zusätzlich zu einer bipolaren Störung bestehen.

Quellen: World Health Organization · WHO 20242; DGBS, DGPPN (Hrsg.) · S3-Leitlinie Bipolare Störungen (DGBS/DGPPN) 20198; National Institute for Health and Care Excellence (NICE) · NICE 201410; Nierenberg AA, et al. · Biological Psychiatry 200555; Angst J et al. · Archives of General Psychiatry 201163; Bukh JD et al. · Psychological Medicine 201664; Gunderson JG et al. · American Journal of Psychiatry 200666; Fardet L et al. · American Journal of Psychiatry 201268; Viktorin A et al. · American Journal of Psychiatry 201469; Hackett ML et al. · The Lancet Neurology 201470; Ducharme S et al. · Brain 202071; Cassidy F, Carroll BJ · Psychological Medicine 200272


Wie macht sich eine bipolare Störung im Alltag bemerkbar?

Eine bipolare Störung zeigt sich im Alltag nicht nur in den akuten Phasen. Schlaf, Arbeit, Beziehungen, Geld und Familie können in der Manie, in der Depression und auch in den Zeiten dazwischen betroffen sein.

Schlaf und Tagesrhythmus

Gesichtslose Figur schläft ruhig, darüber ein Lichtring, halb golden wie der Tag, halb dunkelblau mit Sternen wie die Nacht, als Sinnbild eines regelmäßigen Schlafrhythmus.
KI-generierte Illustration (Sinnbild für einen regelmäßigen Schlafrhythmus, keine reale Person)

Schlaf: Gestörter, verkürzter Schlaf kann manische Phasen auslösen und ihnen vorausgehen. Anhaltende Schlafprobleme in stabilen Zeiten können auf eine erhöhte Rückfallgefahr hinweisen.73

Viele Betroffene erleben deshalb einen gleichmäßigen Tagesablauf mit festen Schlafzeiten als wichtigen Halt. Nachtdienste, lange Reisen über Zeitzonen oder durchfeierte Nächte sind Situationen, die man mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt vorab besprechen kann.

Beruf, Ausbildung und Konzentration

Fünf gläserne Kacheln mit Sonnenaufgang, Teetasse, Spazierweg, Buch und Mondsichel, verbunden durch eine goldene Linie, als Sinnbild einer regelmäßigen Tagesstruktur.
KI-generierte Illustration (Sinnbild für eine regelmäßige Tagesstruktur)

Arbeit und Leistungsfähigkeit: Nach einer ersten stationär behandelten Manie erreichten in einer US-Studie nur 43 Prozent innerhalb von zwei Jahren wieder ihr früheres berufliches und häusliches Funktionsniveau, obwohl fast alle die Episode überwunden hatten.60

Auch zwischen den Phasen können Konzentration und Gedächtnis im Gruppenmittel mäßig schwächer sein, was sich im Beruf bemerkbar machen kann; die Unterschiede zwischen einzelnen Betroffenen sind groß. Das ist kein Zeichen mangelnden Willens.61

Ein strukturiertes Training, frühe Warnzeichen zu erkennen, verbesserte in einer randomisierten Studie nach 18 Monaten auch die soziale Funktionsfähigkeit und die berufliche Situation.74

Studiendetails: Beruf, Ausbildung und Konzentration

Die mittlere Differenz betrug 2,0 Punkte für die soziale Funktion und 0,7 Punkte für die Beschäftigung (69 Teilnehmende). Skalenpunkte lassen sich nicht direkt in Arbeitsplätze übersetzen.74

Geld, Verträge und riskante Entscheidungen

Geld, Verkehr und Risiken: Die NICE-Leitlinie empfiehlt eine gemeinsame Risikoeinschätzung mit den Betroffenen und möglichst den Angehörigen, unter anderem zu Selbstvernachlässigung, Suizidgedanken, Autofahren, übermäßigen Geldausgaben und finanzieller oder sexueller Ausnutzung.10

In stabilen Zeiten lassen sich Vereinbarungen treffen, die in einer Hochphase schützen: etwa, wer bei auffälligen Ausgaben nachfragen darf, ob größere Verträge eine Bedenkzeit bekommen oder wer im Notfall informiert wird. Solche Absprachen sind persönlich und werden am besten gemeinsam mit der Behandlerin oder dem Behandler und den Angehörigen getroffen.

Beziehungen, Familie und Angehörige

Beziehungen und Familie: In der Manie können gesteigerte Geselligkeit, Rededrang und impulsives, riskantes Verhalten Beziehungen belasten. Weil frühere Hochphasen leicht übersehen werden, sollten Angehörige nach der S3-Leitlinie aktiv in die Erhebung der Vorgeschichte einbezogen werden.2,8

Familie und Kinderwunsch: Frauen mit bipolarer Störung haben nach einer Geburt ein erhöhtes Rückfallrisiko. Eine Schwangerschaft wird deshalb am besten vorher mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt geplant.62

Studiendetails: Beziehungen, Familie und Angehörige

In einer Meta-Analyse mit 5.700 Entbindungen bei 4.023 Frauen lag das Rückfallrisiko nach der Entbindung in Hochrisikogruppen insgesamt bei 35 Prozent; schwere Episoden traten bei bipolarer Störung bei 17 Prozent auf. Die Rate hing stark davon ab, ob vorbeugend behandelt wurde.62

Für Angehörige ist die Zeit einer Manie oft besonders belastend, weil die erkrankte Person selbst wenig Krankheitsgefühl hat. Hilfreich ist, Beobachtungen ruhig und konkret zu benennen, zum Beispiel weniger Schlaf oder ungewöhnliche Ausgaben, statt über die Stimmung zu streiten. Auch Angehörige dürfen sich Unterstützung holen.

Schematischer KI-Film (Sinnbild für einen regelmäßigen Tag-Nacht-Rhythmus). Keine Messdaten.

Frühwarnzeichen erkennen und Angehörige einbeziehen

Eine ruhige blaugrüne Linie beginnt rechts zu steigen, kurz davor leuchten drei kleine goldene Punkte als Sinnbild für Frühwarnzeichen.
KI-generierte Illustration: Sinnbild für Frühwarnzeichen vor einem Anstieg, keine Messkurve.

Frühwarnzeichen zu kennen, kann neue Phasen abfangen. In einer randomisierten Studie verlängerte ein Training, frühe Anzeichen eines Rückfalls zu erkennen und rasch Hilfe zu holen, die Zeit bis zur ersten manischen Phase deutlich; auf depressive Rückfälle hatte es keinen Effekt.74

Studiendetails: Frühwarnzeichen und Angehörige

Die 25. Perzentile der Zeit bis zum ersten manischen Rückfall lag bei 65 gegenüber 17 Wochen in der Routineversorgung (69 Teilnehmende, 18 Monate Beobachtung, 7 bis 12 Einzelsitzungen).74

Beginnende Hochphasen zeigen sich oft an denselben Zeichen wie eine Manie, nur schwächer, etwa an einem verminderten Schlafbedürfnis, mehr Reden, rasenden Gedanken, Ablenkbarkeit und riskanten Entscheidungen. Welche Zeichen bei einer bestimmten Person zuerst auftreten, ist individuell.2

Weil verkürzter Schlaf manischen Phasen vorausgehen kann, ist Schlaf eines der wichtigsten Signale, auf die Betroffene und Angehörige achten können.73

Psychoedukation mit eingeübten Selbsthilfefertigkeiten schnitt in einer Netzwerk-Meta-Analyse in Familien- oder Gruppenform günstiger ab als im Einzelformat. Angehörige können also Teil der Behandlung sein, wenn die betroffene Person das möchte.11

Leitlinien empfehlen einen persönlichen Plan, der gemeinsam mit der betroffenen Person und möglichst den Angehörigen Auslöser und Frühwarnzeichen eines Rückfalls festhält, sowie ein Stimmungstagebuch oder Lifechart, dessen Einträge in die Gespräche mit den Behandelnden einfließen. Wichtige Fragen sind: Welche Zeichen kündigen bei mir eine Hoch- oder Tiefphase an, was tue ich dann, und wen rufe ich an?8,10

Zwei gesichtslose Figuren sitzen sich am Tisch gegenüber, die eine wendet sich der anderen aufmerksam zu, als Sinnbild für Angehörige, die einbezogen werden.
KI-generierte Illustration (Sinnbild für einbezogene Angehörige, keine reale Person)

Erklärvideo · 40 s

Frühwarnzeichen und persönlicher Plan

Animierte Erklärung, keine Aufnahmen realer Personen. Sprecher: KI-Stimme. Ohne Untertitel; der gesprochene Text steht hier.

Gesprochener Text

Viele Rückfälle kündigen sich an. Beginnende Hochphasen ähneln oft einer abgeschwächten Manie, mit weniger Schlafbedürfnis, mehr Reden und rasenden Gedanken. Verkürzter Schlaf kann manischen Phasen vorausgehen und ist deshalb ein wichtiges Signal. Leitlinien empfehlen einen persönlichen Plan, der gemeinsam mit Ihnen und möglichst mit Angehörigen Auslöser und Frühwarnzeichen festhält. In einer randomisierten Studie verlängerte ein Training, frühe Warnzeichen zu erkennen, die Zeit bis zur ersten manischen Phase deutlich; auf depressive Rückfälle wirkte es nicht. Sprechen Sie Veränderungen früh an.2,8,10,73,74


Wie wird eine bipolare Störung diagnostiziert?

Ein gläsernes Band mit einer auf- und absteigenden Lichtlinie liegt ausgerollt wie eine Lebenslinie, eine Hand zeigt auf einen Abschnitt unter einer goldenen Lupe, als Sinnbild der Verlaufserhebung.
KI-generierte Illustration: Sinnbild der Verlaufserhebung (Life-Chart), keine reale Person.

Die Diagnose stellt eine Fachärztin oder ein Facharzt im ausführlichen Gespräch, das den gesamten bisherigen Verlauf erfasst. Weil frühere Hochphasen im Rückblick leicht übersehen werden, empfiehlt die S3-Leitlinie, Angehörige und Vertrauenspersonen aktiv einzubeziehen.8

Fragebögen zum Screening können Hinweise auf frühere manische Symptome geben, reichen aber allein nicht für eine Diagnose. Bei einem auffälligen Ergebnis sollte eine fachärztliche Abklärung folgen.8

Ein Selbsttest im Internet stellt deshalb keine Diagnose. Er kann ein Anlass sein, Beschwerden ärztlich abklären zu lassen.

Studiendetails: Diagnose

In der Entwicklungsstudie des Mood Disorder Questionnaire erkannte ein Wert ab 7 von 13 Fragen etwa drei von vier Menschen mit bipolarer Spektrumstörung (Sensitivität 0,73) und stufte neun von zehn Menschen ohne diese Störung korrekt ein (Spezifität 0,90). Untersucht wurden 198 Patientinnen und Patienten aus spezialisierten Ambulanzen; in der Hausarztpraxis sind die Werte nicht übertragbar.75

Im Gespräch geht es um frühere Phasen mit ungewöhnlich viel Energie, um Schlaf, um die Familiengeschichte und um die Zahl früherer Krankheitsphasen. Familiengeschichte und mehrere frühere Phasen hingen in einer großen Studie deutlich mit einer bipolaren Störung zusammen.63

Zur körperlichen Abklärung gehören eine Untersuchung und Laborwerte, etwa der Schilddrüsenwert TSH. Bei Verdacht auf eine körperliche oder neurologische Ursache kommen weitere Untersuchungen hinzu.8

Suizidgedanken werden bei jedem Kontakt eingeschätzt und gegebenenfalls direkt angesprochen. Das Nachfragen bringt Betroffene entgegen einer verbreiteten Sorge nicht erst auf die Idee.8

Bei Verdacht auf Substanzkonsum als Auslöser wird die Stimmung nach Abklingen der Substanzwirkung erneut beurteilt.2

Am Ende steht keine Momentaufnahme, sondern eine Einordnung des Verlaufs: welche Episoden es gab, wie lange sie dauerten, was sie ausgelöst haben könnte und welche Begleiterkrankungen bestehen. Oft wird diese Einordnung über mehrere Termine verfeinert.

Bausteine der Diagnostik
BausteinZweckGrenze
Ausführliches Gesprächgesamter Verlauf, frühere HochphasenHochphasen werden leicht übersehen8
Angehörige einbeziehenFremdanamnesenur mit Zustimmung8
FragebogenHinweis auf frühere manische Symptomeallein keine Diagnose8
Körperliche Untersuchung und Laborkörperliche Ursachen ausschließen, etwa TSHgezielt nach Befund ergänzen8
Frage nach SuizidgedankenSicherheitbei jedem Kontakt8

Ein Online-Selbsttest stellt keine Diagnose.8


Therapie der bipolaren Störung im Überblick

Die Behandlung einer bipolaren Störung hat drei Ziele: akute Manien oder Depressionen abklingen zu lassen, neuen Phasen vorzubeugen und ein möglichst stabiles, selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Medikamente, Psychoedukation und Psychotherapie ergänzen sich dabei; welche Kombination passt, wird gemeinsam entschieden.

Grundlage in Deutschland ist bislang die S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie bipolarer Störungen der Fachgesellschaften DGBS und DGPPN, Langversion 2.1 mit dem Update von 2019, angepasst 2020. Eine Überarbeitung wurde im April 2025 bei der AWMF angemeldet; als geplante Fertigstellung war der 30.09.2026 angegeben.76

Am 5. Oktober 2026 war die Neufassung laut AWMF-Register noch nicht erschienen. Angestrebt ist eine Überarbeitung mindestens alle vier Jahre; dieser Zeitraum ist überschritten. Alle Empfehlungsgrade der S3-Leitlinie in diesem Beitrag beziehen sich deshalb auf die Fassung von 2019, angepasst 2020, und werden vor Veröffentlichung erneut geprüft.8,76

Auch die britische NICE-Leitlinie gibt Empfehlungen; sie wurde zuletzt am 02.09.2025 aktualisiert. NICE bezeichnet Lithium als wirksamste Langzeitbehandlung.10

Nicht alles, was international empfohlen wird, ist in Deutschland für die bipolare Störung zugelassen. Lurasidon und Cariprazin sind in der EU laut Europäischer Arzneimittel-Agentur nur zur Behandlung der Schizophrenie zugelassen (Abruf 5. Oktober 2026); in den USA sind beide laut FDA-Fachinformation auch für die bipolare Depression zugelassen. Den deutschen Stand bei BfArM und in der Fachinformation hat diese Recherche nicht gesondert geprüft.34,35,77,78

Eine Behandlung außerhalb der Zulassung ist nicht verboten, braucht aber eine besondere Begründung und Aufklärung. Das gehört in das ärztliche Gespräch.

Ausgewählte Empfehlungen der S3-Leitlinie (Fassung 2019, angepasst 2020)
SituationEmpfehlungGrad
Vorbeugung neuer PhasenLithiumA8
Akute bipolare DepressionQuetiapin als alleinige BehandlungA8
Akute bipolare DepressionPsychotherapie anbietenA8
Schwere bipolare DepressionElektrokonvulsionstherapieB8
Antidepressivum alleinkeine klare Empfehlung möglichStatement8

Auswahl. Überarbeitungszeitraum überschritten; die Neufassung war am 5. Oktober 2026 laut AWMF-Register nicht erschienen. Keine Dosierungsangaben, keine Rangliste.8

Zulassungsstand ausgewählter Wirkstoffe (Abruf 5. Oktober 2026)
WirkstoffEU (EMA)USA (FDA)Deutschland (BfArM)
LurasidonSchizophrenieauch bipolare Depressionnicht gesondert geprüft34,35,77,78
CariprazinSchizophrenieauch bipolare Depressionnicht gesondert geprüft34,35,77,78

Anwendung außerhalb der Zulassung nur mit besonderer Begründung und Aufklärung.34,35,77,78

Jede Karte steht für sich: eigene Frage, eigene Gruppe, eigener Zeitraum, eigenes Maß. Keine Rangfolge.

  • The Lancet2010

    BALANCE (2010)

    330 randomisiert

    Neue Behandlung wegen einer neuen Stimmungsepisode, bis 24 Monate

  • American Journal of Psychiatry2004

    Lithium-Meta-Analyse (Geddes 2004)

    770 Teilnehmende

    Rückfälle insgesamt, manisch, depressiv (relatives Risiko)

  • American Journal of Psychiatry2005

    BOLDER I (2005)

    542 Teilnehmende gesamt

    Veränderung der MADRS bis Woche 8; Remission MADRS höchstens 12

  • American Journal of Psychiatry2014

    Lurasidon-Monotherapiestudie (Loebel 2014)

    166 / 169 / 170 Teilnehmende je Arm

    Veränderung der MADRS bis Woche 6

  • American Journal of Psychiatry2019

    Cariprazin Phase 3 (Earley 2019)

    158 / 157 / 165 Teilnehmende je Arm

    Veränderung der MADRS bis Woche 6; Nebenzielgröße klinischer Gesamteindruck

  • Archives of General Psychiatry2003

    Gruppen-Psychoedukation (Colom 2003)

    120 Teilnehmende

    Rückfälle und Klinikaufenthalte über 2 Jahre Nachbeobachtung

  • American Journal of Psychiatry2015

    EKT bei therapieresistenter bipolarer Depression (Schoeyen 2015)

    73 Teilnehmende

    MADRS, Ansprechen und Remission nach 6 Wochen

  • BMJ1999

    Frühwarnzeichen-Training (Perry 1999)

    69 Teilnehmende

    Zeit bis zum ersten manischen und depressiven Rückfall, 18 Monate

Studie 1 von 8

BALANCE (2010)

Wer und was
Menschen ab 16 Jahren mit Bipolar-I-Störung; Lithium, Valproat oder beide zusammen
Umfang
330 randomisiert · 110 je Arm
Studiendesign
Randomisierte, offene Studie mit drei Armen; aktive Vorlaufphase mit beiden Medikamenten; Ereignisbewertung verblindet
Endpunkt
Neue Behandlung wegen einer neuen Stimmungsepisode, bis 24 Monate
Ergebnis
Hazard Ratio Kombination gegenüber Valproat 0,59; Lithium gegenüber Valproat 0,71; Kombination gegenüber Lithium 0,82, nicht signifikant.26
Grenzen
Offenes Design; Vergleich Kombination gegenüber Lithium nicht entschieden; Teilfinanzierung durch Sanofi-Aventis.

Studie 2 von 8

Lithium-Meta-Analyse (Geddes 2004)

Wer und was
Langzeitbehandlung bipolarer Störungen; Lithium gegenüber Placebo
Umfang
5 Studien · 770 Teilnehmende
Studiendesign
Systematische Übersicht und Meta-Analyse placebokontrollierter Studien
Endpunkt
Rückfälle insgesamt, manisch, depressiv (relatives Risiko)
Ergebnis
Relatives Risiko 0,65 für alle Rückfälle, 0,62 für manische, 0,72 für depressive (nicht signifikant).27
Grenzen
Wenige, teils ältere Studien.

Studie 3 von 8

BOLDER I (2005)

Wer und was
Ambulante Menschen mit Bipolar I oder II in einer depressiven Episode; Quetiapin gegenüber Placebo
Umfang
542 Teilnehmende gesamt · 360 mit Bipolar I · 182 mit Bipolar II
Studiendesign
Randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie mit zwei Dosisgruppen, 8 Wochen
Endpunkt
Veränderung der MADRS bis Woche 8; Remission MADRS höchstens 12
Ergebnis
Remission 52,9 gegenüber 28,4 Prozent; Umschlag in Manie 3,2 gegenüber 3,9 Prozent.22
Grenzen
Nur 8 Wochen; Ergebnisse je Studie, kein Vergleich mit anderen Wirkstoffen.

Studie 4 von 8

Lurasidon-Monotherapiestudie (Loebel 2014)

Wer und was
Menschen mit Bipolar-I-Depression; Lurasidon als alleinige Behandlung gegenüber Placebo
Umfang
166 im niedrigeren Dosisbereich · 169 im höheren Dosisbereich · 170 unter Placebo
Studiendesign
Randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie mit zwei Dosisbereichen, 6 Wochen
Endpunkt
Veränderung der MADRS bis Woche 6
Ergebnis
MADRS −15,4 in beiden Lurasidon-Gruppen gegenüber −10,7 unter Placebo; Effektstärke 0,51.23
Grenzen
Kurze Dauer; in der EU nicht für die bipolare Depression zugelassen (Abruf 5. Oktober 2026).

Studie 5 von 8

Cariprazin Phase 3 (Earley 2019)

Wer und was
Erwachsene 18 bis 65 Jahre mit Bipolar-I-Störung in einer depressiven Episode
Umfang
158 unter Placebo · 157 in der niedrigeren Dosisgruppe · 165 in der höheren Dosisgruppe
Studiendesign
Randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Phase-3-Studie mit zwei festen Dosisgruppen, 6 Wochen
Endpunkt
Veränderung der MADRS bis Woche 6; Nebenzielgröße klinischer Gesamteindruck
Ergebnis
Mittlerer Unterschied −2,5 und −3,0 MADRS-Punkte gegenüber Placebo; Gesamteindruck nach Korrektur nicht signifikant.24
Grenzen
Kleiner Effekt; in der EU nicht für die bipolare Depression zugelassen (Abruf 5. Oktober 2026).

Studie 6 von 8

Gruppen-Psychoedukation (Colom 2003)

Wer und was
Ambulante Menschen mit Bipolar I oder II, seit mindestens 6 Monaten stabil, zusätzlich zur Medikation
Umfang
120 Teilnehmende
Studiendesign
Randomisierte kontrollierte Studie; 21 Sitzungen Gruppen-Psychoedukation gegenüber 21 unstrukturierten Gruppentreffen
Endpunkt
Rückfälle und Klinikaufenthalte über 2 Jahre Nachbeobachtung
Ergebnis
Weniger Personen mit Rückfall, weniger Rückfälle und Klinikaufenthalte pro Person; Effektzahlen im Abstract nicht genannt.37
Grenzen
Nur Menschen in stabiler Phase; Effektzahlen und Zentrenzahl im Abstract nicht genannt.

Studie 7 von 8

EKT bei therapieresistenter bipolarer Depression (Schoeyen 2015)

Wer und was
Stationäre Menschen mit therapieresistenter bipolarer Depression
Umfang
73 Teilnehmende
Studiendesign
Randomisierte Studie in 7 Kliniken; EKT gegenüber leitliniengestützter medikamentöser Behandlung, 6 Wochen
Endpunkt
MADRS, Ansprechen und Remission nach 6 Wochen
Ergebnis
Ansprechen 73,9 gegenüber 35,0 Prozent; Remission 34,8 gegenüber 30,0 Prozent; MADRS 6,6 Punkte niedriger.38
Grenzen
Kleine Studie, nicht verblindet gegenüber der Behandlungsart.

Studie 8 von 8

Frühwarnzeichen-Training (Perry 1999)

Wer und was
Menschen mit bipolarer Störung und Rückfall in den letzten 12 Monaten
Umfang
69 Teilnehmende
Studiendesign
Randomisierte, einfach verblindete Studie; 7 bis 12 Einzelsitzungen zusätzlich zur Routineversorgung
Endpunkt
Zeit bis zum ersten manischen und depressiven Rückfall, 18 Monate
Ergebnis
25. Perzentile der Zeit bis zur ersten Manie 65 gegenüber 17 Wochen; kein Effekt auf depressive Rückfälle.74
Grenzen
Kleine Studie; nur manische Rückfälle beeinflusst.

Wie die Schlüsselstudien aufgebaut waren

Studie auswählen und das Design Schritt für Schritt ansehen: Einschluss, Randomisierung, Arme, Dauer mit Messpunkten, Endpunkt, Ergebnis mit Konfidenzintervall und Grenzen. Filter nach Fragestellung und Verfahren.

Jede Kachel steht für sich: eigene Population, eigene Skala, eigene Dauer. Die Studien bilden keine Rangfolge; Werte nicht über Kacheln hinweg vergleichen. Netzwerk-Meta-Analysen erscheinen ohne Reihenfolge der Substanzen. Dosisgruppen ohne Milligramm, keine Dosierungsempfehlung.

17 von 17 Studien

  • 2010BALANCE26Lancet

    MedikamentRückfallschutz

    Schützt die Kombination aus Lithium und Valproat besser vor neuen Episoden als eines der beiden allein?

    n randomisiert
    330
    Dauer
    bis 24 Monate
  • 2004Lithium-Meta-Analyse (Geddes 2004)27Am J Psychiatry

    MedikamentMeta-AnalyseRückfallschutz

    Wie stark senkt Lithium in der Langzeitbehandlung Rückfälle gegenüber Placebo, getrennt nach Polarität?

    n gesamt
    770 (5 Studien)
    Dauer
    nicht berichtet
  • 2013Lithium und Suizid (Cipriani 2013)28BMJ

    MedikamentMeta-AnalyseSuizid

    Gibt es unter Lithium weniger Suizide und Todesfälle als unter Placebo?

    n gesamt
    6674 (48 Studien)
    Dauer
    nicht berichtet
  • 2005BOLDER I22Am J Psychiatry

    MedikamentBipolare Depression

    Bessert Quetiapin eine bipolare Depression stärker als Placebo, und spielt die Dosisgruppe eine Rolle?

    n randomisiert
    542
    Dauer
    8 Wochen
  • 2014Lurasidon-Monotherapiestudie (Loebel 2014)23Am J Psychiatry

    In der EU nicht für die bipolare Depression zugelassen

    MedikamentBipolare Depression

    Wirkt Lurasidon als alleinige Behandlung bei Bipolar-I-Depression stärker als Placebo?

    n randomisiert
    505
    Dauer
    6 Wochen
  • 2019Cariprazin Phase 3 (Earley 2019)24Am J Psychiatry

    In der EU nicht für die bipolare Depression zugelassen

    MedikamentBipolare Depression

    Bessert Cariprazin in zwei festen Dosisgruppen eine Bipolar-I-Depression stärker als Placebo?

    n randomisiert
    480
    Dauer
    6 Wochen
  • 2016Cariprazin Phase 2 (Durgam 2016)36Am J Psychiatry

    In der EU nicht für die bipolare Depression zugelassen

    MedikamentBipolare Depression

    Welche von drei festen Cariprazin-Dosisgruppen unterscheidet sich bei Bipolar-I-Depression von Placebo?

    n randomisiert
    571 ausgewertet
    Dauer
    8 Wochen (Endpunkt Woche 6)
  • 2003Lamotrigin- und Lithium-Erhaltung (Bowden 2003)29Arch Gen Psychiatry

    MedikamentRückfallschutz

    Verzögern Lamotrigin oder Lithium nach einer (hypo)manischen Episode neue Stimmungsepisoden?

    n randomisiert
    175 (von 349)
    Dauer
    bis 18 Monate
  • 2003Gruppen-Psychoedukation (Colom 2003)37Arch Gen Psychiatry

    PsychoedukationRückfallschutz

    Verringert strukturierte Gruppenpsychoedukation zusätzlich zu Medikamenten Rückfälle?

    n randomisiert
    120
    Dauer
    21 Wochen + 2 Jahre
  • 2015EKT bei therapieresistenter bipolarer Depression (Schoeyen 2015)38Am J Psychiatry

    EKTBipolare Depression

    Hilft eine Elektrokonvulsionstherapie bei therapieresistenter bipolarer Depression mehr als eine leitliniengestützte Medikamentenbehandlung?

    n randomisiert
    73
    Dauer
    6 Wochen
  • 2007STEP-BD Antidepressiva (Sachs 2007)25N Engl J Med

    MedikamentBipolare Depression

    Bringt ein zusätzliches Antidepressivum zum Stimmungsstabilisierer mehr stabile Erholungen?

    n randomisiert
    366
    Dauer
    bis 26 Wochen
  • 2016CEQUEL33Lancet Psychiatry

    MedikamentBipolare Depression

    Hilft Lamotrigin zusätzlich zu Quetiapin bei bipolarer Depression, und verändert Folsäure die Wirkung?

    n randomisiert
    202
    Dauer
    12 + bis 52 Wochen
  • 2011Netzwerk-Meta-Analyse Manie (Cipriani 2011)20Lancet

    MedikamentMeta-AnalyseAkute Manie

    Welche Mittel wirken bei akuter Manie nach drei Wochen gegenüber Placebo?

    n gesamt
    16.073 (68 Studien)
    Dauer
    Endpunkt nach 3 Wochen
  • 2014Netzwerk-Meta-Analyse Rückfallschutz (Miura 2014)9Lancet Psychiatry

    MedikamentMeta-AnalyseRückfallschutz

    Senken die geprüften Langzeitbehandlungen das Rückfallrisiko gegenüber Placebo?

    n gesamt
    6846 (33 Studien)
    Dauer
    Studien ab 12 Wochen
  • 2015Netzwerk-Meta-Analyse Manie (Yildiz 2015)21Psychol Med

    MedikamentMeta-AnalyseAkute Manie

    Wie groß sind die Effekte gebräuchlicher Mittel bei Manie gegenüber Placebo?

    n gesamt
    14.256
    Dauer
    nicht berichtet
  • 2000Valproat-Erhaltungsstudie (Bowden 2000)32Arch Gen Psychiatry

    MedikamentRückfallschutz

    Verzögert Valproat nach einer Manie das Wiederauftreten von Stimmungsepisoden stärker als Placebo?

    n randomisiert
    372
    Dauer
    52 Wochen
  • 1999Frühwarnzeichen-Training (Perry 1999)74BMJ

    PsychoedukationRückfallschutz

    Verlängert ein Training zum Erkennen früher Rückfallzeichen die Zeit bis zur nächsten Episode?

    n randomisiert
    69
    Dauer
    18 Monate
  • Medikament
  • Kombination
  • Psychoedukation
  • EKT
  • Vergleichsmedikament
  • nicht signifikant
  • Placebo oder Kontrolle

KernsatzDieser Beitrag stellt bewusst keine Rangliste der Wirkstoffe auf: Die Studien unterscheiden sich in Population, Dauer und Messinstrumenten.

Alle Studiendesigns als Tabelle
StudiePopulation / nEndpunktErgebnis (wie im Abstract berichtet)Grenze
BALANCE (2010)26330 Patient:innen, Bipolar I; n = 330Beginn einer neuen Intervention wegen neuer Stimmungsepisode (Cox-Regression, ITT)HR 0,59 (Kombination vs. Valproat); HR 0,82 (Kombination vs. Lithium); HR 0,71 (Lithium vs. Valproat) (95-%-KI 0,42 bis 0,83; 0,58 bis 1,17; 0,51 bis 1,00)Offene Studie; alle waren vorher auf die Kombination eingestellt; ob die Kombination Lithium allein überlegen ist, blieb offen.
Lithium-Meta-Analyse (Geddes 2004) (2004)27770 Teilnehmende aus 5 RCTs; n = 770 (5 Studien)Rückfallrisiko gesamt, manisch, depressivRR 0,65 (alle Rückfälle); RR 0,62 (manisch); RR 0,72 (depressiv) (95-%-KI 0,50 bis 0,84; 0,40 bis 0,95; 0,49 bis 1,07)Wenige, teils ältere Studien; für depressive Rückfälle schließt das Konfidenzintervall keinen Unterschied ein.
Lithium und Suizid (Cipriani 2013) (2013)28unipolare und bipolare affektive Störungen; n = 6674 (48 Studien)Suizide, absichtliche Selbstverletzung, Todesfälle jeglicher UrsacheOR 0,13 (Suizide); OR 0,38 (Todesfälle gesamt); OR 0,60 (Selbstverletzung) (95-%-KI 0,03 bis 0,66; 0,15 bis 0,95; 0,27 bis 1,32)Seltene Ereignisse, sehr breite Konfidenzintervalle; unipolare und bipolare Erkrankungen gemischt.
BOLDER I (2005)22542 Ambulante, Bipolar I/II; n = 542MADRS-Veränderung bis Woche 8Ansprechen 58,2 % / 57,6 % vs. 36,1 %; Remission 52,9 % vs. 28,4 %Kurzzeitstudie; im Abstract keine Konfidenzintervalle.
Lurasidon-Monotherapiestudie (Loebel 2014) (2014)23Bipolar-I-Depression; n = 505MADRS-Veränderung bis Woche 6 (Schlüssel-Nebenzielgröße CGI-BP)MADRS −15,4 / −15,4 vs. −10,7; Effektstärke 0,51 je ArmKurzzeitstudie; flexible Dosierung; im Abstract keine Konfidenzintervalle. Effektstärke je Arm 0,51.
Cariprazin Phase 3 (Earley 2019) (2019)24Bipolar-I-Depression; n = 480MADRS-Veränderung bis Woche 6LS-Differenz −2,5 bzw. −3,0 MADRS-Punkte (95-%-KI −4,6 bis −0,4; −5,1 bis −0,9)Kleiner Effekt; Kurzzeitstudie; der Gesamteindruck unterschied sich nach Korrektur nicht sicher.
Cariprazin Phase 2 (Durgam 2016) (2016)36Bipolar-I-Depression; n = 571 ausgewertetMADRS-Veränderung bis Woche 6mittlere Dosisgruppe −4,0; höchste −2,5 (nicht signifikant nach Korrektur); niedrigste wie Placebo (95-%-KI −6,3 bis −1,6; −4,9 bis −0,1)Phase-2-Studie; kein gleichmäßiger Anstieg der Wirkung mit der Dosis; nicht mit der Phase-3-Studie zu einer Kurve verbinden.
Lamotrigin- und Lithium-Erhaltung (Bowden 2003) (2003)29Bipolar I, kürzlich (hypo)manisch; n = 175 (von 349)Zeit bis zur Intervention wegen jeder Stimmungsepisodebeide Substanzen Placebo überlegenAngereichertes Design (nur Stabilisierte randomisiert); im Abstract keine Effektgrößen; Erratum 2004 nicht inhaltlich geprüft.
Gruppen-Psychoedukation (Colom 2003) (2003)37120 remittierte Ambulante; n = 120Rückfälle (Anzahl Betroffener, Rückfälle pro Person, Zeit bis Rückfall)weniger Rückfälle und Klinikaufenthalte (Zahlen nicht im Abstract)Nur Menschen in stabiler Phase; Effektzahlen und Zentrenzahl im Abstract nicht genannt.
EKT bei therapieresistenter bipolarer Depression (Schoeyen 2015) (2015)3873 Patient:innen; n = 73Wirksamkeitsmaße (MADRS u. a.), lineares gemischtes ModellMADRS 6,6 Punkte niedriger unter EKT; Ansprechen 73,9 % vs. 35,0 %; Remission 34,8 % vs. 30,0 % (95-%-KI 2,5 bis 10,6 (MADRS))Kleine Studie; nicht placebokontrolliert, Behandlungsart nicht verblindet.
STEP-BD Antidepressiva (Sachs 2007) (2007)25bipolare Depression; n = 366Anteil mit stabiler Erholung (8 Wochen Euthymie in Folge)23,5 % vs. 27,3 %Unterschied nicht signifikant (p = 0,40); die einzelnen Antidepressiva nennt der Abstract nicht.
CEQUEL (2016)33202 Patient:innen UK; n = 202QIDS-SR16 nach 12 Wochen−1,73 (12 Wo.); −2,69 (52 Wo.) (95-%-KI −3,57 bis 0,11; −4,89 bis −0,49)Der Hauptzielpunkt nach 12 Wochen wurde verfehlt; Wechselwirkung mit Folsäure.
Netzwerk-Meta-Analyse Manie (Cipriani 2011) (2011)2016.073 Teilnehmende; n = 16.073 (68 Studien)Veränderung auf Manie-Skalen; Studienabbrüche nach 3 Wochenz. B. Lithium SMD −0,37 vs. Placebo (95-%-KI −0,63 bis −0,11)Keine Rangliste: Die Rangaussagen der Autoren werden hier bewusst nicht gezeigt.
Netzwerk-Meta-Analyse Rückfallschutz (Miura 2014) (2014)96846 Teilnehmende; n = 6846 (33 Studien)Rückfall jeder Stimmungsepisode; Abbruch wegen Nebenwirkungenfast alle Behandlungen senken Rückfallrisiko vs. Placebo (Ausnahmen u. a. Aripiprazol RR 0,62) (95-%-KI 0,38 bis 1,03 (CrI, Aripiprazol))Studien aus vier Jahrzehnten mit unterschiedlicher Qualität; keine Rangliste der Behandlungen.
Netzwerk-Meta-Analyse Manie (Yildiz 2015) (2015)2114.256 Patient:innen; n = 14.256SMD (Hedges g) auf Manie-SkalenSMD 0,32 bis 0,66 für 12 wirksame AntimanikaKurzzeitstudien; keine generelle Überlegenheit eines Mittels; keine Rangliste.
Valproat-Erhaltungsstudie (Bowden 2000) (2000)32372 Patient:innen; n = 372Zeit bis zum Wiederauftreten jeder Stimmungsepisodekein signifikanter Unterschied Valproat vs. PlaceboHauptendpunkt verfehlt; Beispiel dafür, dass ein Studienergebnis an der Hauptzielgröße gemessen wird.
Frühwarnzeichen-Training (Perry 1999) (1999)74Menschen mit bipolarer Störung und Rückfall in den letzten 12 Monaten; n = 69Zeit bis zum ersten manischen und depressiven Rückfall, 18 Monate25. Perzentile der Zeit bis zur ersten Manie 65 gegenüber 17 Wochen; kein Effekt auf depressive Rückfälle.Kleine Studie; nur manische Rückfälle beeinflusst.

Quellen: BALANCE investigators and collaborators et al. · The Lancet 201026; Geddes JR et al. · American Journal of Psychiatry 200427; Cipriani A et al. · BMJ 201328; Calabrese JR et al. · American Journal of Psychiatry 200522; Loebel A et al. · American Journal of Psychiatry 201423; Earley W et al. · American Journal of Psychiatry 201924; Durgam S et al. · The American journal of psychiatry 201636; Bowden CL et al. · Archives of General Psychiatry 200329; Colom F et al. · Archives of General Psychiatry 200337; Schoeyen HK et al. · American Journal of Psychiatry 201538; Sachs GS et al. · New England Journal of Medicine 200725; Geddes JR et al. · The Lancet Psychiatry 201633; Cipriani A et al. · Lancet (London, England) 201120; Miura T et al. · The Lancet Psychiatry 20149; Yildiz A et al. · Psychological Medicine 201521; Bowden CL et al. · Archives of general psychiatry 200032; Perry A et al. · BMJ 199974; TelefonSeelsorge Deutschland · TelefonSeelsorge Deutschland 20265; Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) · Kassenärztliche Bundesvereinigung (116117.de) 20266; European Medicines Agency (EMA) · EMA 202634; European Medicines Agency (EMA) · EMA 202635; Katz IR et al. · JAMA Psychiatry 202279


Lithium bei bipolarer Störung und Vorbeugung neuer Phasen

Die deutsche S3-Leitlinie (Fassung 2019, angepasst 2020) empfiehlt Lithium mit dem höchsten Empfehlungsgrad (A) zur Vorbeugung neuer Krankheitsphasen. Als Einschränkungen nennt sie die notwendigen Blutkontrollen und den engen Dosisbereich.8 Auch die NICE-Leitlinie bezeichnet Lithium als die wirksamste Langzeitbehandlung und empfiehlt es als erste Wahl.10

Eine silbrige Kugel in einem goldenen Ring; eine Lichtwelle, die links stark schwingt, verläuft nach dem Ring ruhiger, als Sinnbild für Stimmungsstabilisierung (schematisch).
KI-generierte schematische Illustration, nicht maßstäblich: Sinnbild für Stimmungsstabilisierung, kein Wirkversprechen und keine Messwerte.

In einer Meta-Analyse von fünf placebokontrollierten Studien senkte Lithium das Risiko für erneute Krankheitsphasen um etwa ein Drittel. Der Schutz war vor allem für manische Phasen deutlich, für depressive Phasen weniger sicher belegt.27

Studiendetails: Lithium und Vorbeugung

Relatives Risiko 0,65 für alle Rückfälle, 0,62 für manische und 0,72 für depressive Rückfälle; das Konfidenzintervall für depressive Rückfälle schließt 1 ein. 770 Teilnehmende in 5 Studien.27

In der BALANCE-Studie mit 330 Menschen war unter Lithium allein und unter der Kombination aus Lithium und Valproat seltener eine zusätzliche Behandlung wegen einer neuen Stimmungsepisode nötig als unter Valproat allein. Ob die Kombination besser ist als Lithium allein, blieb offen.26

Studiendetails: Lithium und Vorbeugung, 2

Ein neues Behandlungsereignis trat bei 54 Prozent unter der Kombination, 59 Prozent unter Lithium und 69 Prozent unter Valproat auf. Hazard Ratio Kombination gegenüber Valproat 0,59, Lithium gegenüber Valproat 0,71, Kombination gegenüber Lithium 0,82 (nicht signifikant). Die Studie war offen, die Ereignisbewertung verblindet; Beobachtung bis 24 Monate.26

Eine Netzwerk-Meta-Analyse zur Langzeitbehandlung kam zu dem Schluss, dass Lithium wegen seiner Schutzwirkung gegen manische und depressive Rückfälle und der besseren Datenqualität die erste Wahl bleiben sollte, trotz seines Nebenwirkungsprofils.9

Studiendetails: Lithium und Vorbeugung, 3

Grundlage waren 33 randomisierte Studien mit 6846 Teilnehmenden und 17 Behandlungen. Lithium wurde dort häufiger als Placebo und Lamotrigin wegen Nebenwirkungen abgebrochen.9

Zum Schutz vor Suizid ist die Lage nicht eindeutig: Eine Meta-Analyse von 48 randomisierten Studien bei affektiven Erkrankungen fand unter Lithium weniger Suizide als unter Placebo; wegen der seltenen Ereignisse ist die Schätzung unsicher.28

Eine große randomisierte Studie bei US-Veteranen nach einem kürzlichen suizidalen Ereignis fand dagegen keinen Rückgang erneuter suizidbezogener Ereignisse durch zusätzliches Lithium; sie wurde wegen Aussichtslosigkeit vorzeitig beendet.79

Studiendetails: Lithium und Vorbeugung, 4

Cipriani 2013: Odds Ratio für Suizide 0,13 bei 6674 Teilnehmenden. Katz 2022: Hazard Ratio 1,10 bei 519 überwiegend männlichen Veteranen mit bipolarer Störung oder Major Depression. Beide Ergebnisse gehören zusammen in die Abwägung.28,79

Weitere Mittel zur Vorbeugung: In einer 18-monatigen Studie verzögerte Lamotrigin vor allem depressive Phasen, Lithium vor allem manische, hypomanische oder gemischte. Bei Menschen, die unter Quetiapin zusammen mit Lithium oder Valproat stabil waren, erlitten bei Fortführung von Quetiapin weniger eine neue Phase als nach Umstellung auf Placebo.29,80

Studiendetails: Lithium und Vorbeugung, 5

In der Quetiapin-Studie hatten 20,3 Prozent unter Quetiapin und 52,1 Prozent unter Placebo eine neue Stimmungsepisode. Eingeschlossen waren nur Menschen, die zuvor auf Quetiapin angesprochen hatten; Müdigkeit, Gewichtszunahme und erhöhte Blutzuckerwerte traten unter Quetiapin häufiger auf.80

Erklärvideo · 38 s

Studiendesign: die BALANCE-Studie

Animierte Erklärung, keine Aufnahmen realer Personen. Sprecher: KI-Stimme. Ohne Untertitel; der gesprochene Text steht hier.

Gesprochener Text

Die BALANCE-Studie prüfte, ob Lithium und Valproat zusammen besser vor Rückfällen schützen als jedes Mittel allein. 330 Menschen mit Bipolar-I-Störung nahmen zunächst einige Wochen beide Mittel ein. Dann wurden sie zufällig auf drei gleich große Gruppen verteilt und bis zu zwei Jahre begleitet. Gemessen wurde, wann wegen einer neuen Episode zusätzlich behandelt werden musste. Kombination und Lithium allein schnitten besser ab als Valproat allein. Ob die Kombination Lithium allein überlegen ist, blieb offen. Bewertet wurde verblindet, die Behandlung selbst war offen.26

Erklärvideo · 43 s

Lithium: Schutz vor neuen Phasen

Animierte Erklärung, keine Aufnahmen realer Personen. Sprecher: KI-Stimme. Ohne Untertitel; der gesprochene Text steht hier.

Gesprochener Text

Wie gut schützt Lithium vor neuen Krankheitsphasen? Eine Meta-Analyse fasste fünf randomisierte Studien mit 770 Teilnehmenden zusammen, die Lithium mit Placebo verglichen. Insgesamt traten unter Lithium weniger Rückfälle auf; das relative Risiko lag bei 0,65. Vor manischen Rückfällen schützte Lithium deutlich, bei depressiven war der Effekt kleiner und statistisch nicht sicher. Die deutsche S3-Leitlinie in der Fassung von 2019 empfiehlt Lithium zur Vorbeugung mit dem höchsten Empfehlungsgrad. Lithium braucht regelmäßige Blutkontrollen. Setzen Sie es nie eigenständig ab.8,10,27,81


Medikamente bei akuter Manie und bipolarer Depression

Für die akute Manie gibt es mehrere wirksame Medikamente. Eine Netzwerk-Meta-Analyse mit über 14.000 Patientinnen und Patienten fand für zwölf gebräuchliche Mittel eine Wirkung gegenüber Placebo, ohne dass sich ein einzelnes Mittel insgesamt klar überlegen zeigte.21

Studiendetails: Akute Manie und bipolare Depression

Die standardisierten Mittelwertunterschiede gegenüber Placebo lagen zwischen 0,32 und 0,66. Ausgewertet wurden kurze, verblindete Monotherapie-Studien.21

Für die akute bipolare Depression empfiehlt die S3-Leitlinie (Fassung 2019, angepasst 2020) Quetiapin als alleinige Behandlung mit Empfehlungsgrad A. Als mögliche Nebenwirkungen nennt sie Müdigkeit, Bewegungsstörungen (extrapyramidale Nebenwirkungen) und Gewichtszunahme.8

In der Studie BOLDER I erreichte unter Quetiapin gut die Hälfte der Teilnehmenden nach 8 Wochen eine Remission der Depression, unter Placebo etwas mehr als ein Viertel.22

Studiendetails: Akute Manie und bipolare Depression, 2

Remission 52,9 gegenüber 28,4 Prozent bei 542 ambulanten Menschen mit Bipolar I oder II. Ein Umschlag in eine Manie war selten und ähnlich häufig (3,2 gegenüber 3,9 Prozent).22

Lurasidon als alleinige Behandlung verringerte in einer Studie depressive Beschwerden bei Bipolar-I-Depression nach sechs Wochen stärker als Placebo. Cariprazin besserte in einer Phase-3-Studie depressive Beschwerden ebenfalls stärker als Placebo; der Unterschied war klein. Beide Wirkstoffe sind in der EU nicht für die bipolare Depression zugelassen (Abruf 5. Oktober 2026).23,24,34,35

Studiendetails: Akute Manie und bipolare Depression, 3

Lurasidon: MADRS-Abnahme 15,4 gegenüber 10,7 Punkten, Effektstärke 0,51 (505 Teilnehmende). Cariprazin: mittlerer Unterschied −2,5 und −3,0 MADRS-Punkte in zwei Dosisgruppen (480 Teilnehmende). Der Unterschied bei Cariprazin war klein; der ärztliche Gesamteindruck unterschied sich nach statistischer Korrektur nicht sicher.23,24

Lamotrigin zusätzlich zu Quetiapin war in der britischen CEQUEL-Studie nach zwölf Wochen nicht signifikant besser als Placebo, nach 52 Wochen jedoch schon.33

Antidepressiva sind bei bipolarer Depression umstritten. Ob ein Antidepressivum allein, ohne Stimmungsstabilisierer, eingesetzt werden kann, lässt die S3-Leitlinie (Fassung 2019, angepasst 2020) wegen unklarer Datenlage offen.8

In der Studie STEP-BD führte ein zusätzliches Antidepressivum zum Stimmungsstabilisierer nicht häufiger zu einer anhaltenden Genesung als Placebo. In einer schwedischen Registerstudie war das Risiko einer Manie nur bei Einnahme eines Antidepressivums ohne Stimmungsstabilisierer erhöht.25,69

Studiendetails: Akute Manie und bipolare Depression, 4

STEP-BD: anhaltende Genesung 23,5 gegenüber 27,3 Prozent (366 Teilnehmende). Schwedische Registerstudie: Hazard Ratio 2,83 für Manie in den ersten 3 Monaten unter alleinigem Antidepressivum (3240 Menschen mit bipolarer Störung).25,69

Dieser Beitrag stellt bewusst keine Rangliste der Wirkstoffe auf: Die Studien unterscheiden sich in Population, Dauer und Messinstrumenten. Welches Medikament passt, hängt auch von Nebenwirkungen, Begleiterkrankungen, früheren Erfahrungen und Lebensplanung ab.

Studien zur bipolaren Depression, je Studie
StudieVergleichErgebnis
BOLDER IQuetiapin gegenüber Placebo, 8 WochenRemission 52,9 gegenüber 28,4 Prozent22
Lurasidon-MonotherapiestudieLurasidon gegenüber Placebo, 6 WochenMADRS −15,4 gegenüber −10,723,24,34,35
Phase-3-Studie Cariprazinzwei Dosisgruppen gegenüber Placebo, 6 WochenUnterschied −2,5 und −3,0 MADRS-Punkte23,24
CEQUELLamotrigin zusätzlich zu Quetiapinnach 12 Wochen nicht signifikant, nach 52 Wochen signifikant33
STEP-BDAntidepressivum zusätzlich zum StimmungsstabilisiererGenesung 23,5 gegenüber 27,3 Prozent25,69

Studien mit unterschiedlichen Populationen und Messinstrumenten; keine Rangliste der Wirkstoffe. Lurasidon und Cariprazin sind in der EU nicht für die bipolare Depression zugelassen.22,23,24,25,33,34,35,69

Wirkung, Nebenwirkung und Dosis bei bipolarer Depression

Eine Geschichte in fünf Schritten. Mit „Weiter“ oder den Schritt-Knöpfen blättern; in Schritt 3 wählt der Regler die Dosisgruppe einer Studie. Jede Studie hat ihre eigene Grafik.

Keine Dosierungsempfehlung. Studienarme erscheinen bewusst ohne Milligramm-Angaben, Spiegelwerte werden nicht genannt. Lithium und andere vorbeugende Medikamente setzen Sie nicht eigenständig ab.81

Schritt 1 von 5

Zwei Dosisgruppen, fast dieselbe Wirkung.

Ein Ansprechen (mindestens 50 % Besserung auf der MADRS) erreichten 58,2 % bzw. 57,6 % in den beiden Quetiapin-Dosisgruppen und 36,1 % unter Placebo.22

Eine Remission (MADRS höchstens 12 Punkte) erreichten in beiden Quetiapin-Dosisgruppen 52,9 %, unter Placebo 28,4 %.22

Für die akute bipolare Depression empfiehlt die S3-Leitlinie (Fassung 2019, angepasst 2020) Quetiapin als alleinige Behandlung mit Empfehlungsgrad A. Als mögliche Nebenwirkungen nennt sie Müdigkeit, Bewegungsstörungen (extrapyramidale Nebenwirkungen) und Gewichtszunahme.8

BOLDER I: Ansprechen nach 8 Wochen22

Kein Unterschied zwischen den beiden Dosisarmen erkennbar (Plateau).

Schritt 2 von 5

Wirkung und Abbrüche gehören in dieselbe Grafik.

Nach 6 Wochen sank der MADRS-Wert in beiden Lurasidon-Gruppen im Mittel um 15,4 Punkte, unter Placebo um 10,7 Punkte; die Effektstärke betrug jeweils 0,51.23

Studienabbrüche wegen Nebenwirkungen waren in allen drei Gruppen ähnlich häufig (6,6 %, 5,9 % und 6,5 % unter Placebo).23

Beide Wirkstoffe sind in der EU nicht für die bipolare Depression zugelassen (Abruf 5. Oktober 2026).34,35

Wirkung: MADRS-Abnahme nach 6 Wochen (Punkte)23

Abbruch wegen Nebenwirkungen23

Gleiche mittlere Wirkung in beiden Dosisbereichen (Plateau). Häufigste Nebenwirkungen waren Übelkeit, Kopfschmerz, Akathisie (innere Unruhe mit Bewegungsdrang) und Schläfrigkeit; Gewicht veränderte sich in den 6 Wochen kaum.23

Schritt 3 von 5

Mehr Dosis heißt nicht mehr Wirkung.

Umgekehrt-U-förmiges Muster in dieser einen Studie; keine monotone Dosis-Wirkung.36

Die niedrigste Dosisgruppe unterschied sich nicht von Placebo. Häufigste Nebenwirkungen (mindestens 10 %) waren Akathisie und Schlafstörungen.36

Cariprazin Phase 2: MADRS-Differenz zu Placebo bis Woche 6 (Punkte), 95-%-KI36

20−2−4−6
niedrigstekein Wert
mittlere−4,0
höchste−2,5

Keine Kurve Die Punkte werden bewusst nicht verbunden: Für die niedrigste Gruppe gibt es keinen Zahlenwert, und eine Linie würde einen gemessenen Verlauf vortäuschen.

Mittlere Dosisgruppe: Differenz −4,0 MADRS-Punkte (95-%-KI −6,3 bis −1,6), auch nach Korrektur signifikant.

Mittlere Dosisgruppe: Differenz −4,0 MADRS-Punkte (95-%-KI −6,3 bis −1,6), auch nach Korrektur signifikant.

Schritt 4 von 5

Eine zweite Studie, eine eigene Grafik.

Beide Dosisgruppen senkten den MADRS-Wert stärker als Placebo; der mittlere Unterschied betrug −2,5 bzw. −3,0 Punkte.24

Beim klinischen Gesamteindruck (CGI-S) war der Unterschied zu Placebo nach Korrektur für mehrfaches Testen nicht statistisch signifikant.24

Der Unterschied bei Cariprazin war klein; der ärztliche Gesamteindruck unterschied sich nach statistischer Korrektur nicht sicher.23,24

Cariprazin Phase 3 (eigene Studie): MADRS-Differenz zu Placebo bis Woche 6 (Punkte), 95-%-KI24

niedrigere Dosisgruppe−6−4−202−2,5−4,6 bis −0,4
höhere Dosisgruppe−6−4−202−3,0−5,1 bis −0,9
← zugunsten Cariprazinzugunsten Placebo →

Beide Arme wirksam, überlappende KI; Phase-2- und Phase-3-Werte nicht zu einer Kurve verbinden.

Schritt 5 von 5

Was daraus folgt und was nicht.

Antidepressiva sind bei bipolarer Depression umstritten. Ob ein Antidepressivum allein, ohne Stimmungsstabilisierer, eingesetzt werden kann, lässt die S3-Leitlinie (Fassung 2019, angepasst 2020) wegen unklarer Datenlage offen.8

  • Studienarme, keine Empfehlung. Studienarme, keine Dosierungsempfehlung; nicht über Studien hinweg vergleichen.
  • Keine Rangliste. Dieser Beitrag stellt bewusst keine Rangliste der Wirkstoffe auf: Die Studien unterscheiden sich in Population, Dauer und Messinstrumenten. Welches Medikament passt, hängt auch von Nebenwirkungen, Begleiterkrankungen, früheren Erfahrungen und Lebensplanung ab.
  • Zulassung. Lurasidon und Cariprazin sind in der EU laut Europäischer Arzneimittel-Agentur nur zur Behandlung der Schizophrenie zugelassen (Abruf 5. Oktober 2026); in den USA sind beide laut FDA-Fachinformation auch für die bipolare Depression zugelassen.34,35,77,78
Schritt 1 von 5
  • Dosisgruppe (Studienarm)
  • Placebo
  • Abbruch wegen Nebenwirkungen
  • nicht signifikant

KernsatzWelches Medikament passt, hängt auch von Nebenwirkungen, Begleiterkrankungen, früheren Erfahrungen und Lebensplanung ab.

Alle Werte der Geschichte als Tabelle
StudieArmWert
BOLDER I (Quetiapin), 8 Wochenhöhere DosisgruppeAnsprechen 58,2 %, Remission 52,9 %
BOLDER I (Quetiapin), 8 Wochenniedrigere DosisgruppeAnsprechen 57,6 %, Remission 52,9 %
BOLDER I (Quetiapin), 8 WochenPlaceboAnsprechen 36,1 %, Remission 28,4 %
Lurasidon, 6 Wochenniedrigerer DosisbereichMADRS −15,4; Abbruch 6,6 %
Lurasidon, 6 Wochenhöherer DosisbereichMADRS −15,4; Abbruch 5,9 %
Lurasidon, 6 WochenPlaceboMADRS −10,7; Abbruch 6,5 %
Cariprazin Phase 2, Woche 6niedrigste Dosisgruppewie Placebo, kein Zahlenwert
Cariprazin Phase 2, Woche 6mittlere Dosisgruppe−4,0 (95-%-KI −6,3 bis −1,6)
Cariprazin Phase 2, Woche 6höchste Dosisgruppe−2,5 (95-%-KI −4,9 bis −0,1), nach Korrektur nicht signifikant
Cariprazin Phase 3, Woche 6niedrigere Dosisgruppe−2,5 (95-%-KI −4,6 bis −0,4)
Cariprazin Phase 3, Woche 6höhere Dosisgruppe−3,0 (95-%-KI −5,1 bis −0,9)

Belege22,23,24,36

Quellen: Durgam S et al. · The American journal of psychiatry 201636; DGBS, DGPPN (Hrsg.) · S3-Leitlinie Bipolare Störungen (DGBS/DGPPN) 20198; European Medicines Agency (EMA) · EMA 202634; European Medicines Agency (EMA) · EMA 202635; U.S. Food and Drug Administration (FDA) et al. · FDA 202577; U.S. Food and Drug Administration (FDA) et al. · FDA 202578; Suppes T et al. · Archives of General Psychiatry 199181; Calabrese JR et al. · American Journal of Psychiatry 200522; Loebel A et al. · American Journal of Psychiatry 201423; Earley W et al. · American Journal of Psychiatry 201924


Psychoedukation und Psychotherapie

Vier gesichtslose Figuren sitzen im Kreis, eine hält ein aufgeschlagenes Buch, als Sinnbild einer Psychoedukationsgruppe.
KI-generierte Illustration (Sinnbild einer Psychoedukationsgruppe, keine reale Behandlungssituation)

Bei akuten depressiven Phasen einer bipolaren Störung soll laut S3-Leitlinie (Fassung 2019, angepasst 2020) eine Psychotherapie angeboten werden (Empfehlungsgrad A). Belege liegen für kognitive Verhaltenstherapie, familienfokussierte Therapie und Interpersonelle und Soziale Rhythmustherapie vor.8

Eine Netzwerk-Meta-Analyse von 39 Studien fand, dass manualisierte Psychotherapien zusätzlich zu Medikamenten mit weniger Rückfällen verbunden waren als Kontrollbedingungen. Psychoedukation mit eingeübten Selbsthilfefertigkeiten schnitt in Familien- oder Gruppenform günstiger ab als im Einzelformat.11

Studiendetails: Psychoedukation und Psychotherapie

Odds Ratio für einen Rückfall 0,56 gegenüber Kontrollbehandlungen (3863 Teilnehmende). Die Studien unterschieden sich in Populationen, Behandlungs- und Nachbeobachtungsdauer.11

In einer randomisierten Studie verringerte eine Gruppen-Psychoedukation mit 21 Sitzungen zusätzlich zur medikamentösen Behandlung die Zahl der Rückfälle und der Krankenhausaufenthalte bei Menschen, deren Erkrankung stabil war.37

Studiendetails: Psychoedukation und Psychotherapie, 2

Eingeschlossen waren 120 ambulant behandelte Menschen mit Bipolar I oder II, seit mindestens 6 Monaten stabil; Vergleich waren 21 unstrukturierte Gruppentreffen, Nachbeobachtung 2 Jahre. Effektzahlen nennt das Abstract nicht.37

Psychoedukation bedeutet, die eigene Erkrankung genau kennenzulernen: Wie kündigen sich Phasen an, was hilft, wie wirken Medikamente, welche Rolle spielen Schlaf, Alkohol und Stress. Interpersonelle und Soziale Rhythmustherapie setzt am Tagesrhythmus und an Beziehungen an, kognitive Verhaltenstherapie an Gedanken und Verhalten, familienfokussierte Therapie an der Zusammenarbeit mit den Angehörigen.

Ein gezieltes Training zum Erkennen von Frühwarnzeichen und die zugehörige Studie beschreibt der Abschnitt „Frühwarnzeichen erkennen“.


Elektrokonvulsionstherapie bei schwerer bipolarer Depression

Gehirn in Seitenansicht mit zwei goldenen Elektrodenscheiben, von denen ruhige blaugrüne Wellen über die Hirnrinde laufen, als Schema der Elektrokonvulsionstherapie.
KI-generierte schematische Illustration der EKT. Die Lage der Elektroden ist stilisiert, keine Platzierungsangabe.

Die Elektrokonvulsionstherapie (EKT) wird von der S3-Leitlinie (Fassung 2019, angepasst 2020) für schwere depressive Phasen einer bipolaren Störung empfohlen (Empfehlungsgrad B). Häufige Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen und vorübergehende Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen; ernstere Risiken betreffen die Narkose.8

In einer norwegischen Studie sprachen Menschen mit therapieresistenter bipolarer Depression auf EKT häufiger an als auf eine leitliniengestützte medikamentöse Behandlung; die Rate einer vollständigen Besserung unterschied sich jedoch nicht.38

Studiendetails: Elektrokonvulsionstherapie

73 stationäre Patientinnen und Patienten in 7 Kliniken, 6 Wochen. Ansprechen 73,9 gegenüber 35,0 Prozent, Remission 34,8 gegenüber 30,0 Prozent; der MADRS-Wert lag unter EKT im Mittel 6,6 Punkte niedriger.38

EKT wird in Narkose und unter ärztlicher Überwachung in spezialisierten Kliniken durchgeführt. Sie kommt vor allem infrage, wenn eine Depression sehr schwer ist oder andere Behandlungen nicht ausreichend geholfen haben.


Sicherheit, Nebenwirkungen und Schwangerschaft

Während einer medikamentösen Behandlung gehören regelmäßige Blutspiegelmessungen, vor allem bei Lithium, sowie die Überprüfung von Verträglichkeit und Sicherheit zur Routine. Vor Beginn einer Lithiumbehandlung sieht die S3-Leitlinie (Fassung 2019, angepasst 2020) zusätzlich Schilddrüsenwerte und die Nierenfunktion vor.8

Unter Lithium empfiehlt NICE, etwa alle 6 Monate Nierenfunktion, Elektrolyte, Calcium und Schilddrüse zu kontrollieren, häufiger bei Auffälligkeiten.10

Eine große Übersichtsarbeit zu Lithium-Nebenwirkungen fand unter Lithium deutlich häufiger eine Schilddrüsenunterfunktion als unter Placebo, außerdem häufiger eine verminderte Harnkonzentrierung der Niere, eine Nebenschilddrüsenüberfunktion und Gewichtszunahme. Das absolute Risiko für ein Nierenversagen war gering: 18 von 3369 Behandelten (0,5 Prozent) benötigten eine Nierenersatztherapie.30

In einem internationalen Register mit Schwangerschaften unter Antiepileptika, überwiegend bei Epilepsie, traten nach Valproat-Einnahme zum Zeitpunkt der Empfängnis bei 10,3 Prozent der Kinder schwere Fehlbildungen auf, nach Lamotrigin bei 2,9 Prozent; das Risiko stieg mit der Dosis. In Dänemark hatten Kinder nach Valproat-Exposition ein absolutes Autismus-Risiko von 4,42 Prozent gegenüber 1,53 Prozent insgesamt.82,83

Studiendetails: Sicherheit und Schwangerschaft

Beide Studien betrafen überwiegend Frauen mit Epilepsie, nicht mit bipolarer Störung. Die Dosisabhängigkeit gilt für die Fehlbildungen. In der dänischen Studie lag die Hazard Ratio für eine Autismus-Spektrum-Störung insgesamt bei 2,9; bei Kindern von Müttern mit Epilepsie war sie mit 1,7 nicht signifikant erhöht.82,83

Lithium im ersten Schwangerschaftsdrittel war in einer großen US-Kohorte mit einem erhöhten Risiko für Herzfehlbildungen verbunden (2,41 gegenüber 1,15 Prozent); der Effekt war kleiner als früher angenommen, das Risiko bei höherer Dosis größer. Eine internationale Auswertung von sechs Kohorten fand etwas häufiger schwere Fehlbildungen (7,4 gegenüber 4,3 Prozent).84,85

Ausführlich lesen: Sicherheit und Schwangerschaft

Diese Risiken werden immer gegen das Rückfallrisiko abgewogen, das nach einer Geburt erhöht ist. Wer schwanger werden möchte oder schwanger ist, bespricht die Behandlung deshalb frühzeitig mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt.

Sicherheit unter Lithium und in der Schwangerschaft
ThemaWas die Quellen sagenWas das praktisch heißt
KontrollenBlutspiegel, Niere, Elektrolyte, Calcium, Schilddrüse regelmäßigTermine einhalten8,10
Wechselwirkungennichtsteroidale Antirheumatika nur nach Rücksprachebei jedem neuen Medikament fragen10
Schilddrüse und NiereUnterfunktion häufiger, Nierenversagen seltenKontrollen erkennen Veränderungen früh30
Valproatin der Schwangerschaft bei bipolarer Störung nicht einsetzenSchwangerschaftsverhütungsprogramm39
Absetzenschrittweise, ärztlich begleitetnie eigenständig10,39

Keine Spiegelwerte und keine Dosierungen; Einzelheiten legt die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt fest.8,10,30,39

Was bei Lithium regelmäßig geprüft wird

Vier Schritte: Nebenwirkungsprofil aus einer Übersichtsarbeit, ein ausdrücklich gekennzeichnetes Modell zur Nierenfunktion mit Regler, die Kontrollen qualitativ und die Abwägung in der Schwangerschaft.

Keine Dosierungsempfehlung. Studienarme erscheinen bewusst ohne Milligramm-Angaben, Spiegelwerte werden nicht genannt. Lithium und andere vorbeugende Medikamente setzen Sie nicht eigenständig ab.81

Schritt 1 von 4

Was eine große Übersichtsarbeit fand.

Eine große Übersichtsarbeit zu Lithium-Nebenwirkungen fand unter Lithium deutlich häufiger eine Schilddrüsenunterfunktion als unter Placebo, außerdem häufiger eine verminderte Harnkonzentrierung der Niere, eine Nebenschilddrüsenüberfunktion und Gewichtszunahme. Das absolute Risiko für ein Nierenversagen war gering: 18 von 3369 Behandelten (0,5 Prozent) benötigten eine Nierenersatztherapie.30

Odds Ratio gegenüber Placebo, 95-%-KI, logarithmische Achse30

Klinische Schilddrüsenunterfunktion0,512510205,782,00 bis 16,67
Gewichtszunahme0,512510201,891,27 bis 2,82
← seltener unter Lithiumhäufiger →

Mittlere Veränderungen unter Lithium30

Konzentrationsfähigkeit der Niere
etwa −15 % des normalen Maximums30
Filtrationsleistung (GFR)
−6,22 ml/min, nicht signifikant (95-%-KI −14,65 bis 2,20)30
Parathormon
+7,32 pg/ml (95-%-KI 3,42 bis 11,23)30
Nierenersatztherapie
18 von 3369 Behandelten (0,5 %)30

Nebenwirkungsprofil, keine Dosisarme. Nebenwirkungsmittelwerte, keine Dosierungsempfehlung, keine individuelle Prognose.

Schritt 2 von 4

Nicht die Dosis, sondern die Dauer: ein Modell.

In einer schwedischen Kohorte ging die Nierenfunktion (eGFR) mit jedem Behandlungsjahr unter Lithium zusätzlich um etwa 0,54 ml/min/1,73 m² pro Jahr zurück.31

Nach mehr als 10 Jahren Lithium war der Rückgang der Nierenfunktion deutlich steiler als in allen anderen Gruppen einschließlich der Allgemeinbevölkerung.31

Wie stark Lithium die Nierenfunktion beeinflusst, war von Person zu Person sehr unterschiedlich.31

Zusätzlicher Rückgang der Nierenfunktion (eGFR) gegenüber dem Ausgangswert, Richtung und Form31

mehr als 10 Jahre: steilerer Rückgang beobachtet

Behandlungsjahre

Modell Lineare Fortschreibung des mittleren Regressionsschätzers von 0,54 ml/min/1,73 m² zusätzlichem Rückgang je Lithium-Jahr (95-%-KI 0,43 bis 0,64; helles Band). Die Achse trägt bewusst keine Werte: Das Modell zeigt Richtung und Form, keine ablesbare Zahl für einzelne Menschen.

10 Jahre: Modelllinie zur Orientierung. Ab mehr als 10 Jahren war der Rückgang in der Kohorte steiler, als eine gerade Linie zeigt.

Schritt 3 von 4

Was regelmäßig geprüft wird.

Zur mindestens jährlichen körperlichen Untersuchung gehören unter Langzeit-Lithium auch Nieren- und Schilddrüsenwerte sowie Calcium.10

  • Blutspiegel

    Während einer medikamentösen Behandlung gehören regelmäßige Blutspiegelmessungen, vor allem bei Lithium, sowie die Überprüfung von Verträglichkeit und Sicherheit zur Routine.8

  • Nierenfunktion und Schilddrüse

    Vor Beginn einer Lithiumbehandlung sieht die S3-Leitlinie (Fassung 2019, angepasst 2020) zusätzlich Schilddrüsenwerte und die Nierenfunktion vor.8

  • Calcium und Nebenschilddrüse

    wegen der häufigen Nebenschilddrüsenüberfunktion empfehlen die Autoren Calciumkontrollen vor und während der Behandlung30

  • Wechselwirkungen

    Menschen, die Lithium einnehmen, sollen laut NICE keine rezeptfreien Schmerzmittel aus der Gruppe der nichtsteroidalen Antirheumatika ohne ärztliche Rücksprache einnehmen. Fragen Sie bei jedem neuen Medikament nach Wechselwirkungen.10

  • Absetzen

    Lithium und andere vorbeugende Medikamente setzen Sie nicht eigenständig ab. Nach dem Absetzen einer stabilen Lithiumbehandlung traten in einer älteren Auswertung mehr als die Hälfte der neuen Krankheitsphasen innerhalb von 10 Wochen auf, vor allem manische.81

  • Persönlicher Plan

    Leitlinien empfehlen einen persönlichen Plan, der gemeinsam mit der betroffenen Person und möglichst den Angehörigen Auslöser und Frühwarnzeichen eines Rückfalls festhält8,10

Qualitativ: Zielspiegel, Milligramm und Kontrolltermine legt die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt fest; sie stehen bewusst nicht in dieser Grafik.

Schritt 4 von 4

Abwägen, nicht absetzen.

Diese Risiken werden immer gegen das Rückfallrisiko abgewogen, das nach einer Geburt erhöht ist. Wer schwanger werden möchte oder schwanger ist, bespricht die Behandlung deshalb frühzeitig mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt.

Setzen Sie Medikamente auch bei einer Schwangerschaft nicht eigenständig ab, sondern sprechen Sie umgehend mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Ein Absetzen von Lithium soll schrittweise und ärztlich begleitet erfolgen. Auch die Europäische Arzneimittel-Agentur rät, Valproat nicht ohne ärztliche Rücksprache abzusetzen (Abruf 5. Oktober 2026).10,39

Lithium im ersten Schwangerschaftsdrittel: Herzfehlbildungen (US-Kohorte)84,85

Schwere Fehlbildungen (sechs Kohorten)84,85

Valproat zum Zeitpunkt der Empfängnis: schwere Fehlbildungen (Register, überwiegend Epilepsie)82,83

Beide Studien betrafen überwiegend Frauen mit Epilepsie, nicht mit bipolarer Störung.82,83

Schwangerschaft und Valproat: Seit 2018 darf Valproat in der EU in der Schwangerschaft nicht zur Behandlung einer bipolaren Störung eingesetzt werden, bei Frauen und Mädchen, die schwanger werden können, nur unter den Bedingungen eines Schwangerschaftsverhütungsprogramms (Abruf 5. Oktober 2026).39

Schritt 1 von 4
  • unerwünschte Wirkung
  • Vergleich ohne Lithium bzw. Placebo
  • Modell
  • Konfidenzband des Modells

KernsatzDas absolute Risiko für ein Nierenversagen war gering: 18 von 3369 Behandelten (0,5 Prozent) benötigten eine Nierenersatztherapie.30

Alle Werte als Tabelle
ThemaWert (Quelle)
SchilddrüsenunterfunktionOdds Ratio 5,78 (95-%-KI 2,00 bis 16,67)30
GewichtszunahmeOdds Ratio 1,89 (95-%-KI 1,27 bis 2,82)30
Harnkonzentrierungetwa −15 % des normalen Maximums30
GFR−6,22 ml/min, nicht signifikant (95-%-KI −14,65 bis 2,20)30
Parathormon+7,32 pg/ml (95-%-KI 3,42 bis 11,23)30
Nierenersatztherapie18 von 3369 (0,5 %)30
eGFR je Lithium-Jahr (Kohorte)zusätzlich etwa 0,54 ml/min/1,73 m² (95-%-KI 0,43 bis 0,64); nach mehr als 10 Jahren steiler; große Streuung31
Herzfehlbildungen, Lithium im 1. Drittel2,41 gegenüber 1,15 %84,85
Schwere Fehlbildungen, Lithium7,4 gegenüber 4,3 %84,85
Schwere Fehlbildungen, Valproat bzw. Lamotrigin (überwiegend Epilepsie)10,3 bzw. 2,9 %82,83

Quellen: Fransson F et al. · The lancet. Psychiatry 202231; DGBS, DGPPN (Hrsg.) · S3-Leitlinie Bipolare Störungen (DGBS/DGPPN) 20198; National Institute for Health and Care Excellence (NICE) · NICE 201410; Suppes T et al. · Archives of General Psychiatry 199181; McKnight RF et al. · The Lancet 201230; European Medicines Agency (EMA) et al. · EMA 201839; Tomson T et al. · The Lancet Neurology 201882; Christensen J et al. · JAMA 201383; Patorno E et al. · New England Journal of Medicine 201784; Munk-Olsen T et al. · The Lancet Psychiatry 201885


Fallvignetten zum differenzialdiagnostischen Denken

Die folgenden vier Fallvignetten sind erfunden. Jede ist eine Fallvignette zur Veranschaulichung, keine reale Person und kein Praxisfall. Sie zeigen, wie Ärztinnen und Ärzte vom Beschwerdebild über Leitfragen und Abklärung zu einer vorläufigen Einordnung kommen. Jede medizinische Aussage darin stützt sich auf die Quellen dieses Beitrags; eine Vignette ersetzt keine eigene Untersuchung.

Fallvignette zur Veranschaulichung, keine reale Person, kein Praxisfall

Fallvignetten zum differenzialdiagnostischen Denken

Vignette wählen, dann Schritt für Schritt aufdecken. Vor jedem Schritt steht die Frage: Was würden Sie als Nächstes abklären? Der Schlüsselschritt ist markiert.

Die Vignetten sind keine Anleitung zur Selbstdiagnose.

Fallvignette zur Veranschaulichung, keine reale Person, kein Praxisfall

Wiederkehrende Depressionen und eine übersehene Hochphase

Eine erwachsene Person

  1. 1 Beschwerdebild

    Es besteht die dritte depressive Phase mit gedrückter Stimmung und wenig Antrieb. Wie bei vielen Menschen mit bipolarer Störung begann die Erkrankung mit einer Depression, was die Einordnung erschwert.1

    Was würden Sie als Nächstes abklären?

  2. 2 Leitfragen

    Gab es früher Phasen mit ungewöhnlich viel Energie, wenig Schlaf oder enthemmtem Verhalten, und dauerten sie 4 Tage oder länger? Gibt es Manien oder Depressionen in der Familie, und wie viele Krankheitsphasen gab es bisher?10,63

    Was würden Sie als Nächstes abklären?

  3. 3 Abklärung Schlüsselschritt

    Mit Zustimmung wird eine vertraute Person befragt, weil frühere Hochphasen im Rückblick leicht übersehen werden. Dazu kommen Untersuchung und Laborwerte, etwa der Schilddrüsenwert TSH, sowie Fragen nach Substanzen und Medikamenten.2,8

    Was würden Sie als Nächstes abklären?

  4. 4 Abgrenzung

    Die Angehörige beschreibt eine frühere Phase mit gehobener Stimmung über mehrere Tage, ohne deutliche Beeinträchtigung im Alltag. Das passt zu einer Hypomanie, nicht zu einer vollen Manie. Bei Bipolar II überwiegen die depressiven Beschwerden bei Weitem.2,19,40

    Was würden Sie als Nächstes abklären?

  5. 5 Vorläufige Einordnung

    Vorläufig wird an eine Bipolar-II-Störung gedacht, also mindestens eine hypomanische und mindestens eine depressive Episode, nie eine Manie. Ein Fragebogen kann dabei Hinweise geben, ersetzt aber nicht die fachärztliche Einordnung.2,8

    Was würden Sie als Nächstes abklären?

  6. 6 Weiteres Vorgehen

    Die Behandlung wird angepasst und gemeinsam besprochen. Ob ein Antidepressivum allein eingesetzt werden kann, lässt die S3-Leitlinie offen; für die bipolare Depression empfiehlt sie unter anderem Psychotherapie.8

Was die Vignette zeigt: Wie eine bipolare Störung hinter wiederkehrenden Depressionen stehen kann und warum Fremdanamnese und Verlauf entscheidend sind.

Was sie nicht zeigt: Die Vignette zeigt keine Behandlungsempfehlung und keine Prognose. Viele Menschen mit wiederkehrender Depression haben keine bipolare Störung.63

Fallvignette zur Veranschaulichung, keine reale Person, kein Praxisfall

Neurologischer Bezug

Erstmalige Manie im höheren Lebensalter: neurologisch mitdenken

Eine Person im höheren Lebensalter

  1. 1 Beschwerdebild

    Seit einigen Wochen schläft die Person kaum, redet viel, wirkt gereizt und trifft riskante Entscheidungen. Früher gab es keine psychische Erkrankung.2

    Was würden Sie als Nächstes abklären?

  2. 2 Leitfragen

    Ist es wirklich die erste Hochphase? Gibt es neue Medikamente, etwa Kortison-Tabletten, oder Substanzen? Bei einer erstmaligen Manie im höheren Lebensalter sind Erkrankungen des Gehirns besonders mitzubedenken.8,68

    Was würden Sie als Nächstes abklären?

  3. 3 Abklärung Schlüsselschritt

    Neben Labor mit Schilddrüsenwert und Entzündungswert folgen eine neurologische Untersuchung und je nach Befund Bildgebung, EEG und neuropsychologische Tests.8

    Was würden Sie als Nächstes abklären?

  4. 4 Abgrenzung

    Zu unterscheiden sind ein sekundäres affektives Syndrom durch eine körperliche Erkrankung, etwa nach Schlaganfall oder bei Multipler Sklerose, und eine beginnende frontotemporale Demenz, die oft zunächst als psychiatrische Erkrankung verkannt wird.2,8,71

    Was würden Sie als Nächstes abklären?

  5. 5 Vorläufige Einordnung

    Die Einordnung hängt von den Befunden ab. Ist die Manie direkte Folge einer körperlichen Erkrankung, wird sie nach ICD-11 als sekundäres affektives Syndrom eingeordnet und nicht als bipolare Störung.2

    Was würden Sie als Nächstes abklären?

  6. 6 Weiteres Vorgehen

    Psychiatrische und neurologische Befunde werden gemeinsam bewertet. Bei später Erstmanie hatte in einer Klinikstichprobe die Gruppe mit spätem Beginn mehr Gefäßrisikofaktoren; diese werden mit abgeklärt.8,72

Was die Vignette zeigt: Warum bei einer ersten Manie im höheren Lebensalter besonders an körperliche und neurologische Ursachen gedacht und bei Verdacht gezielt untersucht wird.

Was sie nicht zeigt: Die Vignette zeigt nicht, dass hinter einer späten Manie meist eine neurologische Erkrankung steckt; auch eine bipolare Störung kann in jedem Alter beginnen.8

Fallvignette zur Veranschaulichung, keine reale Person, kein Praxisfall

Junge erwachsene Person mit Stimmungsschwankungen und Impulsivität

Eine junge erwachsene Person

  1. 1 Beschwerdebild

    Die Person beschreibt häufige Stimmungsschwankungen, Unruhe, Ablenkbarkeit und impulsive Entscheidungen. Bipolare Störungen beginnen oft im jungen Erwachsenenalter.2,54

    Was würden Sie als Nächstes abklären?

  2. 2 Leitfragen

    Bestehen die Beschwerden dauerhaft seit der Kindheit oder gibt es abgrenzbare Phasen mit gehobener, euphorischer oder gereizter Stimmung? Wie lange dauern sie, und verändert sich in diesen Zeiten auch Schlaf und Energie?2

    Was würden Sie als Nächstes abklären?

  3. 3 Abklärung

    Eine vertraute Person wird mit Zustimmung befragt, und ein Stimmungstagebuch wird geführt, wie es die Leitlinien empfehlen. Fragen nach Alkohol, Drogen und Medikamenten gehören dazu.2,8,10

    Was würden Sie als Nächstes abklären?

  4. 4 Abgrenzung Schlüsselschritt

    ADHS und Borderline-Persönlichkeitsstörung teilen manche Merkmale mit der bipolaren Störung; Persönlichkeitsstörungen umfassen aber keine abgrenzbaren Stimmungsepisoden. Überschneidungen sind möglich: In einer Studie hatten 9,5 Prozent der Erwachsenen mit bipolarer Störung auch eine ADHS.2,55,66

    Was würden Sie als Nächstes abklären?

  5. 5 Vorläufige Einordnung

    Ohne abgrenzbare Episoden spricht das Bild eher gegen eine bipolare Störung; die Beobachtung des Verlaufs kann die Einordnung später ändern. Mehrere Diagnosen können nebeneinander bestehen.2

    Was würden Sie als Nächstes abklären?

  6. 6 Weiteres Vorgehen

    Die Diagnostik wird über mehrere Termine fortgeführt. Weil verkürzter Schlaf einer Manie vorausgehen kann, wird Schlaf als Warnsignal mit beobachtet.73

Was die Vignette zeigt: Wie sich bipolare Störung, ADHS und Borderline-Persönlichkeitsstörung über den Verlauf unterscheiden lassen.

Was sie nicht zeigt: Die Vignette zeigt keine Diagnose für reale Beschwerden. Stimmungsschwankungen allein sind kein Beleg für eine dieser Erkrankungen.2

Fallvignette zur Veranschaulichung, keine reale Person, kein Praxisfall

Hochphase nach Substanzkonsum oder nach Beginn eines Antidepressivums

Eine erwachsene Person

  1. 1 Beschwerdebild

    Nach einigen Tagen mit wenig Schlaf, Rededrang und Ideenflucht stellt sich die Person vor. Zuvor wurden Substanzen konsumiert, und kurz vorher wurde eine Depression mit einem Antidepressivum behandelt.2

    Was würden Sie als Nächstes abklären?

  2. 2 Leitfragen

    Welche Substanzen, Medikamente und Dosiswechsel gab es in den letzten Wochen? Bestand schon früher eine Hochphase ohne diese Auslöser?2

    Was würden Sie als Nächstes abklären?

  3. 3 Abklärung

    Neben Untersuchung und Labor wird die Stimmung nach Abklingen der Substanzwirkung erneut beurteilt.2,8

    Was würden Sie als Nächstes abklären?

  4. 4 Abgrenzung Schlüsselschritt

    Wird die Symptomatik durch eine Substanz wie Kokain oder Amphetamine ausgelöst, spricht die ICD-11 von einer substanzinduzierten affektiven Störung. Für Antidepressiva gilt das nicht: Besteht eine Hochphase, die unter einem Antidepressivum begann, nach dessen Absetzen und Abklingen der Wirkung fort, wird sie als manische oder hypomane Episode gewertet.2

    Was würden Sie als Nächstes abklären?

  5. 5 Vorläufige Einordnung

    Klingt die Hochphase mit dem Ende der Substanzwirkung ab, spricht das eher für eine substanzinduzierte Störung. Besteht sie nach Absetzen des Antidepressivums und Abklingen seiner Wirkung fort, spricht das für eine manische oder hypomane Episode und damit für eine bipolare Störung.2

    Was würden Sie als Nächstes abklären?

  6. 6 Weiteres Vorgehen

    Die Behandlung wird ärztlich angepasst; verordnete Medikamente werden nicht eigenständig abgesetzt. Substanzkonsum wird offen besprochen, weil er laut S3-Leitlinie mit einem chronischeren Verlauf verbunden ist.8,81

Was die Vignette zeigt: Wie Substanzen und Medikamente als Auslöser geprüft werden, bevor eine bipolare Störung angenommen wird.

Was sie nicht zeigt: Die Vignette zeigt keine Empfehlung zu einzelnen Medikamenten und keine Aussage über das Risiko einzelner Wirkstoffe.2

  • aufgedeckt
  • noch verdeckt
  • Schlüsselschritt

KernsatzAm Ende steht keine Momentaufnahme, sondern eine Einordnung des Verlaufs: welche Episoden es gab, wie lange sie dauerten, was sie ausgelöst haben könnte und welche Begleiterkrankungen bestehen.

Quellen: Grande I et al. · The Lancet 20161; World Health Organization · WHO 20242; DGBS, DGPPN (Hrsg.) · S3-Leitlinie Bipolare Störungen (DGBS/DGPPN) 20198; National Institute for Health and Care Excellence (NICE) · NICE 201410; Judd LL, et al. · Archives of General Psychiatry 200319; Berk M et al. · World Psychiatry 202540; Solmi M, et al. · Molecular Psychiatry 202254; Nierenberg AA, et al. · Biological Psychiatry 200555; Angst J et al. · Archives of General Psychiatry 201163; Gunderson JG et al. · American Journal of Psychiatry 200666; Fardet L et al. · American Journal of Psychiatry 201268; Ducharme S et al. · Brain 202071; Cassidy F, Carroll BJ · Psychological Medicine 200272; Plante DT, Winkelman JW · American Journal of Psychiatry 200873; Suppes T et al. · Archives of General Psychiatry 199181


Krise und Notfall

Hilfe in der Krise

Hilfetelefone und Notruf

Bei unmittelbarer Lebensgefahr, auch bei akuter Selbstgefährdung, rufen Sie den Notruf 112. Die TelefonSeelsorge ist Tag und Nacht kostenfrei erreichbar unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. Der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117 hilft außerhalb der Sprechstunden, wenn eine Behandlung nicht bis zum nächsten Tag warten kann (Stand 5. Oktober 2026).5,6

Die Privatpraxis NEVPAZ ist kein Notdienst.

Stand der Nummern: 05.10.20265,6

Gedanken an Selbsttötung sind ein Grund, sofort mit jemandem zu sprechen. Ärztinnen und Ärzte sollen bei jedem Kontakt danach fragen; das Nachfragen bringt niemanden erst auf die Idee.8

Das gilt auch für Angehörige: Suizidgedanken offen anzusprechen, bringt niemanden erst auf die Idee. Die Privatpraxis NEVPAZ ist kein Notdienst; in einer akuten Krise sind der Notruf 112 und der ärztliche Bereitschaftsdienst 116 117 die richtigen Stellen.6,8

Auch in einer Hochphase kann rasche ärztliche Hilfe nötig sein, etwa wenn jemand sich oder andere in Gefahr bringt. Dann gelten dieselben Wege: Notruf 112 bei unmittelbarer Gefahr, sonst der ärztliche Bereitschaftsdienst 116 117 oder die behandelnde Praxis.

Diese Hinweise ersetzen keinen persönlichen Notfallplan. Besprechen Sie Ihr Vorgehen mit Ihrem Behandlungsteam.


Das Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt vorbereiten

Ein gut vorbereitetes Gespräch spart Zeit und macht die Einordnung sicherer. Hilfreich ist, vorab aufzuschreiben, was Ihnen und Ihrem Umfeld aufgefallen ist.

  • Wichtig sind frühere Phasen mit ungewöhnlich viel Energie, wenig Schlaf oder enthemmtem Verhalten und wie lange sie dauerten. Nach der NICE-Leitlinie ist eine Dauer von 4 Tagen oder länger ein Anlass für eine fachärztliche Abklärung.10
  • Bringen Sie, wenn Sie möchten, eine vertraute Person mit. Angehörige können frühere Hochphasen oft besser beschreiben; die S3-Leitlinie empfiehlt, sie aktiv einzubeziehen.8
  • Notieren Sie Erkrankungen in der Familie, besonders Manien und Hypomanien, und die Zahl früherer Krankheitsphasen. Beides hing in einer großen Studie deutlich mit einer bipolaren Störung zusammen.63
  • Nehmen Sie eine Liste aller Medikamente mit, auch rezeptfreier, und Angaben zu Alkohol und anderen Substanzen. Ein Stimmungs- und Schlaftagebuch der letzten Wochen kann helfen. Schreiben Sie Ihre Fragen auf, etwa zu Nebenwirkungen, Arbeit, Autofahren oder Kinderwunsch.

Versorgung bei NEVPAZ in Hamburg

Die Privatpraxis NEVPAZ GmbH am Dammtorwall 7a, 20354 Hamburg, ist eine Praxis für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie. Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Neurologie arbeiten dort interdisziplinär zusammen.

Nach Angabe der Praxisleitung sind Gespräche in geeigneten Fällen auch per Video möglich, auch für Menschen außerhalb Hamburgs. Ob ein Termin per Video im Einzelfall ärztlich vertretbar ist, entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt; maßgeblich ist die Berufsordnung der Ärztekammer Hamburg, für die die Musterberufsordnung (§ 7 Abs. 4 MBO-Ä) nur die Vorlage ist. Oft ist ein persönlicher Termin nötig, etwa für die körperliche und neurologische Untersuchung.

Einen Termin können Sie über das Kontaktformular der Website oder telefonisch unter 040 238 353 790 anfragen.

Wichtig: Die Praxis ist kein Notdienst. In einer akuten Krise wenden Sie sich an den Notruf 112 oder außerhalb der Sprechstunden an den ärztlichen Bereitschaftsdienst 116 117.

Termin anfragen 040 238 353 790 Kontakt und Anfahrt Dammtorwall 7a, 20354 Hamburg

Häufige Fragen zur bipolaren Störung

Was ist eine bipolare Störung?

Eine bipolare Störung ist eine wiederkehrende, chronische Erkrankung, bei der Stimmung und Energie in Phasen schwanken. Auf Phasen mit gehobener oder gereizter Stimmung und viel Energie folgen depressive Phasen. Weltweit ist mehr als 1 Prozent der Bevölkerung betroffen.1

Was ist eine bipolare Störung Typ 2, und wie unterscheidet sie sich von Typ 1?

Bei einer Bipolar-I-Störung gab es mindestens eine manische oder gemischte Episode. Bei einer Bipolar-II-Störung gab es mindestens eine hypomanische und eine depressive Episode, aber nie eine volle Manie. Die depressiven Phasen stehen bei Bipolar II meist deutlich im Vordergrund.2

Was ist eine Hypomanie, und wie fühlt sie sich an?

Eine Hypomanie ist eine abgeschwächte Manie. Sie hält mehrere Tage an, führt aber nicht zu einer deutlichen Beeinträchtigung im Alltag und geht nicht mit Wahn oder Halluzinationen einher. Hypomane Phasen werden oft nicht als Krankheit erkannt und deshalb leicht übersehen; Angehörige können hier wichtige Hinweise geben.2,8

Was ist eine Zyklothymie?

Bei der Zyklothymie schwankt die Stimmung über mindestens zwei Jahre mit zahlreichen hypomanen und depressiven Phasen, ohne dass je eine Manie oder gemischte Episode auftritt. In der ICD-11 gehört sie zu den bipolaren Störungen.2,15

Was bedeutet Rapid Cycling?

Rapid Cycling bedeutet, dass in den letzten zwölf Monaten mindestens vier Stimmungsepisoden aufgetreten sind. Es ist oft keine Dauereigenschaft: In einer großen Studie erfüllten bei Einschluss 32 Prozent die Kriterien für das Vorjahr, im folgenden Behandlungsjahr nur noch 5 Prozent.2,41

Wie häufig ist eine bipolare Störung?

Nach einer US-Bevölkerungsstudie hatten etwa 1,0 Prozent der Erwachsenen im Lauf des Lebens eine Bipolar-I- und 1,1 Prozent eine Bipolar-II-Störung. Die deutsche S3-Leitlinie fasst internationale Studien mit etwa 3 Prozent zusammen, mit leichteren Formen etwa 5 Prozent; eine eigene Zahl für Deutschland gibt es nicht.8,52

Wann bricht eine bipolare Störung aus?

Meist im jungen Erwachsenenalter: Eine weltweite Meta-Analyse fand einen Häufigkeitsgipfel um 19,5 Jahre, etwa ein Drittel erkrankt vor dem 25. Lebensjahr, die Hälfte aber erst nach dem 33. Ein Beginn ist in jedem Alter möglich.2,54

Ist eine bipolare Störung vererbbar?

Die Erblichkeit wird in Übersichtsarbeiten auf etwa 70 Prozent geschätzt. Das ist ein Maß für Unterschiede in der Bevölkerung, kein persönliches Risiko: Auch Kinder von Betroffenen erkranken nicht zwangsläufig, und Umweltfaktoren wirken mit.16

Warum wird eine bipolare Störung oft spät erkannt?

Weil die Erkrankung meist mit einer Depression beginnt und Hochphasen im Rückblick leicht übersehen werden. Laut S3-Leitlinie wird eine bipolare Störung in der Regel erst 5 bis 10 Jahre nach Beginn richtig erkannt.1,8

Sind bipolare Störung und Borderline das Gleiche?

Nach ICD-11 zeigt sich die bipolare Störung in abgrenzbaren Episoden mit gehobener, euphorischer oder gereizter Stimmung; eine Persönlichkeitsstörung umfasst keine solchen Episoden. Beide Erkrankungen können aber gemeinsam vorkommen: In einer Verlaufsstudie hatten 19,4 Prozent von 196 Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung zusätzlich eine bipolare Störung.2,66

Kann hinter den Beschwerden auch eine ADHS stecken?

Unruhe, Ablenkbarkeit und Impulsivität kommen bei beiden vor. ADHS-Beschwerden bestehen aber dauerhaft, die bipolare Störung verläuft in Episoden. In einer US-Studie hatten 9,5 Prozent der Erwachsenen mit bipolarer Störung zusätzlich eine ADHS.2,55

Können körperliche Erkrankungen eine Manie auslösen?

Erkrankungen der Schilddrüse oder Nebennierenrinde, Epilepsien, Hirnentzündungen, Multiple Sklerose, Folgen eines Schlaganfalls oder eine beginnende frontotemporale Demenz können manische Beschwerden hervorrufen. Besonders bei einer ersten Manie im höheren Alter sollte an körperliche und neurologische Ursachen gedacht und bei Verdacht gezielt untersucht werden.8

Kann eine Manie durch Drogen oder Medikamente ausgelöst werden?

Substanzen wie Kokain oder Amphetamine, auch im Entzug, können Stimmungsstörungen auslösen. Unter Kortison-Tabletten traten Manien in einer großen Studie häufiger auf als ohne diese Behandlung. Setzen Sie verordnete Medikamente trotzdem nicht ohne Rücksprache ab.2,68

Wie wird eine bipolare Störung diagnostiziert?

Im ausführlichen fachärztlichen Gespräch über den gesamten Verlauf, möglichst mit Angaben von Angehörigen, ergänzt durch körperliche Untersuchung und Laborwerte. Fragebögen geben nur Hinweise; allein reichen sie für eine Diagnose nicht.8

Warum gilt Lithium als Mittel der ersten Wahl?

Die S3-Leitlinie (Fassung 2019, angepasst 2020) empfiehlt Lithium mit dem höchsten Empfehlungsgrad zur Vorbeugung neuer Phasen. In einer Meta-Analyse senkte es das Rückfallrisiko um etwa ein Drittel, vor allem für manische Phasen.8,27

Ist Lithium gefährlich?

Lithium braucht regelmäßige Kontrollen von Blutspiegel, Niere und Schilddrüse. Eine Schilddrüsenunterfunktion ist unter Lithium häufiger; das absolute Risiko eines Nierenversagens war in einer großen Übersicht gering (0,5 Prozent). Schmerzmittel wie nichtsteroidale Antirheumatika nur nach Rücksprache.10,30

Darf ich meine Medikamente absetzen, wenn es mir gut geht?

Setzen Sie Medikamente nicht eigenständig ab, auch wenn es Ihnen gut geht. Nach dem Absetzen von Lithium traten in einer Auswertung mehr als die Hälfte der neuen Phasen innerhalb von 10 Wochen auf. Soll Lithium beendet werden, empfiehlt die NICE-Leitlinie, die Dosis schrittweise über mindestens 4 Wochen zu verringern, ärztlich begleitet.10,81

Helfen Antidepressiva bei bipolarer Depression?

Das ist umstritten. Die S3-Leitlinie lässt offen, ob ein Antidepressivum allein eingesetzt werden kann. In der Studie STEP-BD brachte ein zusätzliches Antidepressivum zum Stimmungsstabilisierer keinen Vorteil gegenüber Placebo.8,25

Hilft Psychotherapie bei einer bipolaren Störung?

Als Ergänzung zu Medikamenten: Die S3-Leitlinie (Fassung 2019, angepasst 2020) empfiehlt bei bipolarer Depression Psychotherapie mit Empfehlungsgrad A. Strukturierte Psychotherapien waren in einer Netzwerk-Meta-Analyse mit weniger Rückfällen verbunden.8,11

Wie können Angehörige mit einer bipolaren Erkrankung umgehen?

Angehörige können frühere Hochphasen beschreiben, die Betroffene selbst oft übersehen, mit Zustimmung an der Psychoedukation teilnehmen und Risiken wie hohe Geldausgaben oder Autofahren gemeinsam mit einschätzen. Psychoedukation in Familien- oder Gruppenform schnitt in einer Netzwerk-Meta-Analyse günstiger ab als im Einzelformat.8,10,11

Welche Frühwarnzeichen kündigen eine Manie an?

Oft kündigt sich eine Hochphase mit denselben Zeichen an, die eine Manie ausmachen, nur schwächer, etwa weniger Schlaf, mehr Reden, rasende Gedanken, Ablenkbarkeit und riskante Entscheidungen. Verkürzter Schlaf kann einer Manie vorausgehen. Wer seine persönlichen Frühwarnzeichen kennt, kann früher Hilfe holen; mehr dazu im Abschnitt zu Frühwarnzeichen.2,73

Was ist bei Kinderwunsch und Schwangerschaft wichtig?

Das Rückfallrisiko ist nach einer Geburt erhöht, deshalb sollte eine Schwangerschaft möglichst geplant werden. Valproat darf in der EU in der Schwangerschaft nicht zur Behandlung einer bipolaren Störung eingesetzt werden (Abruf 5. Oktober 2026). Die Behandlung wird vorher ärztlich abgestimmt.39,62

Ist manisch-depressiv das Gleiche wie bipolar?

„Manisch-depressive Erkrankung“ ist die ältere Bezeichnung für dasselbe Krankheitsbild, das heute bipolare Störung heißt. In der ICD-11 wird zwischen Typ 1 und Typ 2 unterschieden.4,7

Ist die bipolare Störung eine Persönlichkeitsstörung?

Nein. Die bipolare Störung zählt zu den affektiven Störungen, also zu den Störungen der Stimmung, die in Episoden verlaufen. Persönlichkeitsstörungen umfassen nach ICD-11 keine solchen Episoden. Beide können aber nebeneinander bestehen.2

Ist eine bipolare Störung eine Psychose?

Nicht grundsätzlich. In einer schweren Manie oder Depression können psychotische Symptome wie Wahn oder Halluzinationen auftreten, bei der bipolaren Störung aber nur während der Stimmungsphasen. Eine Hypomanie geht nie mit Wahn oder Halluzinationen einher.2

Wie lange dauert eine Phase bei einer bipolaren Störung?

Das ist sehr unterschiedlich. Als Mindestdauer gelten nach ICD-10, auf die sich die deutsche S3-Leitlinie stützt, eine Woche für die manische, vier Tage für die hypomanische und je zwei Wochen für die depressive und die gemischte Episode. Nach oben gibt es keine feste Grenze, und der Verlauf ist individuell sehr verschieden.8

Kann man eine bipolare Störung ohne Medikamente behandeln?

Medikamente, vor allem zur Vorbeugung neuer Phasen, sind nach den Leitlinien ein zentraler Baustein. Psychotherapie wird vor allem ergänzend empfohlen, bei bipolarer Depression mit Empfehlungsgrad A. Setzen Sie Medikamente nicht eigenständig ab, sondern besprechen Sie Wünsche ärztlich.8

Ich habe Suizidgedanken. Was soll ich tun?

Holen Sie sofort Hilfe. Bei unmittelbarer Gefahr: Notruf 112. TelefonSeelsorge kostenfrei, Tag und Nacht: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Ärztlicher Bereitschaftsdienst außerhalb der Sprechstunden: 116 117. Sprechen Sie mit einer vertrauten Person.5,6

Wie wirkt sich eine bipolare Störung auf die Lebenserwartung aus?

Im Mittel ist die Lebenserwartung verkürzt, vor allem durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Suizid. In einer schwedischen Kohorte starben Frauen 9,0 und Männer 8,5 Jahre früher. Das sind Gruppenwerte, keine persönliche Prognose; Vorbeugung und körperliche Gesundheit gehören zur Behandlung.16,56

Kann ich mit einer bipolaren Störung arbeiten?

Die Erkrankung kann die Arbeitsfähigkeit vorübergehend oder länger beeinträchtigen. Nach einer ersten stationär behandelten Manie erreichten in einer Studie nur 43 Prozent innerhalb von zwei Jahren ihr früheres berufliches und häusliches Niveau. Stabile Phasen, Rückfallvorbeugung und Unterstützung bei der Rückkehr helfen dabei.60

Sind Gespräche bei NEVPAZ auch per Video möglich?

Nach Angabe der Praxisleitung sind Gespräche in geeigneten Fällen auch per Video möglich. Ob das im Einzelfall ärztlich vertretbar ist, entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt; maßgeblich ist die Berufsordnung der Ärztekammer Hamburg. Oft ist ein persönlicher Termin nötig, etwa für die körperliche und neurologische Untersuchung.


Quellen und Einordnung

Dieser Beitrag beruht auf einer gezielten Recherche in Leitlinien, Klassifikationen, Meta-Analysen und Primärstudien aus Fachzeitschriften, die für diese Beitragsreihe zugelassen sind. Alle Zahlen beziehen sich auf die genannten Studienpopulationen und Zeiträume; sie sind keine Vorhersage für einzelne Menschen. Zulassungsangaben haben das Abrufdatum 5. Oktober 2026.

Die deutsche S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie bipolarer Störungen befindet sich in Überarbeitung; als geplante Fertigstellung war der 30.09.2026 angegeben. Am 5. Oktober 2026 lag die Neufassung laut AWMF-Register noch nicht vor. Leitlinienangaben werden vor Veröffentlichung erneut geprüft.76

Wischen Sie durch die Quellen oder filtern Sie nach Art der Quelle. Jede Quelle ist über DOI, PubMed oder die Originalseite nachprüfbar.

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Meta-Analyse/Übersichtgeprüft: Abstract

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05TelefonSeelsorge Deutschland2026

TelefonSeelsorge Deutschland – Startseite

TelefonSeelsorge Deutschland

Hilfsangebot/Registergeprüft: Webseite

Zitiert in: Bipolare Störung: zwischen Manie, Hypomanie und Depression, Was ist eine bipolare Störung?

06Kassenärztliche Bundesvereinigung (116117.de)2026

116117.de – Der Patientenservice

Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV)

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Originalstudiegeprüft: Abstract

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Meta-Analyse/Übersichtgeprüft: Abstract

Zitiert in: Alltag, Frühwarnzeichen und Angehörige

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Zitiert in: Therapie im Überblick, Akute Manie und bipolare Depression

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U.S. Food and Drug Administration (FDA), openFDA

Hilfsangebot/Registergeprüft: Webseite

Zitiert in: Therapie im Überblick, Akute Manie und bipolare Depression

79JAMA Psychiatry2022

Lithium Treatment in the Prevention of Repeat Suicide-Related Outcomes in Veterans With Major Depression or Bipolar Disorder: A Randomized Clinical Trial.

Katz IR, Rogers MP, Lew R, et al.

Originalstudiegeprüft: Abstract

Zitiert in: Therapie im Überblick, Lithium und Vorbeugung

80American Journal of Psychiatry2009

Maintenance treatment for patients with bipolar I disorder: results from a north american study of quetiapine in combination with lithium or divalproex (trial 127).

Suppes T, Vieta E, Liu S, et al.

Originalstudiegeprüft: Abstract

Zitiert in: Lithium und Vorbeugung

81Archives of General Psychiatry1991

Risk of recurrence following discontinuation of lithium treatment in bipolar disorder.

Suppes T, Baldessarini RJ, Faedda GL, et al.

Meta-Analyse/Übersichtgeprüft: Abstract

Zitiert in: Lithium und Vorbeugung, Akute Manie und bipolare Depression

82The Lancet Neurology2018

Comparative risk of major congenital malformations with eight different antiepileptic drugs: a prospective cohort study of the EURAP registry.

Tomson T, Battino D, Bonizzoni E, et al.

Originalstudiegeprüft: Abstract

Zitiert in: Sicherheit und Schwangerschaft

83JAMA2013

Prenatal valproate exposure and risk of autism spectrum disorders and childhood autism.

Christensen J, Grønborg TK, Sørensen MJ, et al.

Originalstudiegeprüft: Abstract

Zitiert in: Sicherheit und Schwangerschaft

84New England Journal of Medicine2017

Lithium Use in Pregnancy and the Risk of Cardiac Malformations.

Patorno E, Huybrechts KF, Bateman BT, et al.

Originalstudiegeprüft: Abstract

Zitiert in: Sicherheit und Schwangerschaft

85The Lancet Psychiatry2018

Maternal and infant outcomes associated with lithium use in pregnancy: an international collaborative meta-analysis of six cohort studies.

Munk-Olsen T, Liu X, Viktorin A, et al.

Meta-Analyse/Übersichtgeprüft: Abstract

Zitiert in: Sicherheit und Schwangerschaft

Alle 85 Quellen als Liste
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Stand 05.10.2026 · Gezielte narrative Recherche in vier Bereichen (Klassifikation/Klinik, Epidemiologie/Verlauf, Diagnostik/Differenzialdiagnose/Alltag, Therapie/Sicherheit) plus Grafik-Evidenz, mit PMID-Prüfung über NCBI E-Utilities; kein systematischer Review · Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Untersuchung.

Dr. med. Amir Golsari

Fachärztliche Prüfung

Dr. med. Amir Golsari

Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie

Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie. Ausbildung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Mitautor klinischer Studien in der Schlaganfall-Bildgebung (u. a. WAKE-UP, NEJM 2018). Ärztlicher Leiter der Privatpraxis NEVPAZ in Hamburg.

Zuletzt fachärztlich geprüft am 13.10.2026 durch Dr. med. Amir Golsari

Autor und vorgesehener fachärztlicher Prüfer: Dr. med. Amir Golsari · Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Untersuchung.